5. öffentliche Unglücksfälle: Viehseuche — Pest — Brand der Stephanikirche — Deichbrüche
Schon im Jahre 1751 litt Bremens Nachbarschaft von der Hornviehseuche 1 , und diese wütete dort, besonders in dem Oldenburgischen, die folgenden Jahre, bis sie endlich erst in dem Jahre 1756 sich wieder verlor und die Vorsichtsmaßregeln eingestellt werden konnten, die man bis dahin in Bremen und dessen Gebiete notwendig gefunden hatte.
Noch größere Besorgnisse erregte die Pest, die in den Jahren 1751 und 1752 die Levante und die barbarischen Küsten 2 verheerte. Schien dieses Übel auch noch weit entfernt, so konnte es doch durch giftfangende Handelswaren und fremde Schiffe sehr leicht sich einschleichen, und diesem vorzubeugen, erschienen mehrere obrigkeitliche Vorschriften für die Schiffahrt.
Ein schwerer Brand drohte einem großen Teil der Stadt den Untergang und beraubte sie für immer einer ihrer Zierden. Am 6. Dezember des Jahres 1754 entstand hinter Stephanikirchhof eine Feuersbrunst, die sehr schnell eine Lohgerberei, eine Zuckersiederei und ein Packhaus in die Asche legte. Bei dem damaligen heftigen Sturm flogen einige Feuerfunken in den nahe gelegenen hohen Stephansturm durch ein Fenster desselben, das man aus Unachtsamkeit offengelassen hatte. Erst gegen den anderen Morgen entdeckte die unerwartet hervorbrechende Glut das neu entstandene Unglück. Mit solcher Schnelligkeit griff die Flamme um sich, daß der Versuch zur Rettung bald aufgegeben werden mußte. Der schöne Turm brannte bis auf das Mauerwerk herunter. Das Feuer drang bis in die Kirche, bedeutend wurde diese dadurch beschädigt und die erst in dem Jahre 1696 verfertigte Orgel gänzlich zerstört 3 . Hatte der Wind die Feuerfunken schon vorher weit umhergetrieben, so fielen sie während des Turmbrandes von dieser angezündeten hohen Pyramide gleich einem Feuerregen über einen großen Teil der Stadt und zündeten in sehr vielen Gebäuden. Durch die allgemeine Tätigkeit wurde indessen jeder weitere Ausbruch des Feuers glücklich gedämpft. Die Stephanigemeinde erhielt zu der einstweiligen Wahrnehmung ihres Gottesdienstes die St.-Johannis-Kirche 4 angewiesen. Schon am 6. April des folgenden Jahres sah sie jedoch ihre eigene
1 Die sich jeweils hinter dem Begriff Hornviehseuche verbergende Krankheit ist nicht immer einwandfrei zu identifizieren, selbst wenn die Symptome usw. mehr oder weniger zutreffend beschrieben sind. Bei der hier und später unter diesem Namen erwähnten Erkrankung dürfte es sich aber mit Sicherheit um die Rinderpest (Pestis bovina), die verheerendste und deshalb gefürchtetste Seuche des Rindes, gehandelt haben.
2 Gemeint sind die Küsten der — vornehmlich von Berbern bewohnten und seit dem 16. Jahrhundert häufig als Barbaresken bezeichneten — nordwestafrikanischen Länder Marokko, Algerien und Tunesien, die wegen der von ihnen betriebenen Piraterie großen Stils als Seeräuberstaaten gefürchtet waren.
3 Diese war ein Werk des bedeutenden Orgelbauers Arp Schnitger (1648—1719).
4 Es war üblich, daß die Kirche des — 1528 geschlossenen — Franziskanerklosters St. Johannis, die heutige Propsteikirche St. Johann, den bremischen Gemeinden zeitweise zur Abhaltung des Gottesdienstes eingeräumt wurde, deren eigene Kirchen Schaden erlitten hatten. Im Jahre 1816 wurde sie den Bremer Katholiken überwiesen, die sie restaurierten und 1823 in Gebrauch nahmen.
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