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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
Entstehung
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4. Neubau des Roten "Waisenhauses Blatternimpfung

War diese Gesellschaft dem Freunde der Wissenschaft erfreulich, so mußte es dem Menschenfreunde nicht weniger wohltun, als er das sogenannte Rote Waisenhaus 1 , das die Freigebigkeit eines in Bremen lebenden Italieners Tarquinius Molignanus im Jahre 1599 gestiftet hatte, im Jahre 1756 imstande sah, sein unbrauchbar ge­wordenes Gebäude 2 aus eigenen Mitteln von Grund aus neu aufzubauen, ohne dadurch seine Kräfte zu schwächen. Nur bedauerte er zugleich, daß dieses neue Gebäude nur ein Erdgeschoß erhielt, wodurch den oberen Schlafsälen der Zöglinge dieser Stiftung die gehörige Höhe fehlte, die der Gesundheit so zuträglich ist. Und eine fast noch angenehmere Erscheinung mußte ihm in eben diesem Jahre die Einführung der Kinderblatterneinimpfung 3 sein. Keine obrigkeitlichen Anordnun­gen, keine Vorschriften oder Zwangsbefehle waren dazu erforderlich. Das Beispiel, das nach den ersten glücklichen Versuchen einige der vornehmsten Familien gaben, sowie der gute Erfolg erregten bald Vertrauen, und ungeachtet aller Vorurteile, die in so vielen anderen Gegenden noch lange nachher dagegen herrschten, wurde jene Einimpfung mit jedem Jahr in Bremen allgemeiner, bis in ganz neueren Zeiten die Schutzblattern sie überflüssig machten 4 . Eine Tatsache, die dem vorurteils­freieren, für alles Gute und Nützliche so leicht empfänglichen Bremer desto mehr zur Ehre gereicht, da hier nicht mal wie in so manchen anderen Städten jährliche Blatternepidemien herrschten, sondern mehrere Jahre oft verflossen, ehe sich diese zeigten, minder dringend hier also die Gefahr erscheinen mußte, leichter der Ein­druck wieder verlöscht oder geschwächt sein konnte als in anderen Gegenden. Neben solchen erfreulichen Begebenheiten leitet indessen die Geschichte dieser Tage auch auf minder angenehme Szenen.

1 Es gab zwei städtische und daher reformierte Waisenhäuser, das Rote und das Blaue Waisenbaus, die, 1599 und 1684 gegründet, nach der Tracht der Kinder benannt waren, sowie das hannoversche lutherische St.-Petri-Waisenhaus, das seit 1692 bestand. Das heutige Kinderheim Alten Eichen geht auf das Rote Waisenhaus zurück.

2 Das Rote Waisenhaus stand auf dem seinerzeit noch zur Hutfilterstraße zählenden Gelände, auf dem sich heute das Verwaltungsgebäude der Sparkasse in Bremen, Am Brill 1, erhebt.

3 Bei der Blattern- oder Pockenimpfung (Pockeninokulation, Variolation) wurde Schorf o. ä. von Pockenkranken auf Gesunde übertragen, um eine leichtere, künstliche Erkrankung zu erzeugen, die eine Immunität gegen die epidemischen Pocken hinter­ließ. Das in China und Indien längst bekannte Verfahren wurde von Lady Mary Wortley Montague (16891762), die es 1718 in der Türkei kennenlernte, gegen viele Widerstände in England eingeführt, von wo es sich in Europa verbreitete.

4 Die Schutzblattern- oder Kubpockenimpfung wurde in Bremen im Jahre 1800 ein­geführt (vgl. S. 307).

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