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Bremen und seine Bauten / bearb. und hrsg. vom Architekten- und Ingenieur-Verein
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Die Friedhöfe und ihr künstlerischer Schmuck.

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Es ist schwer, System in die Masse des Materials zu bringen; denn der sonst bei derartigen Beschreibungen übliche Modus, den geneigten Leser zu einer Wanderung aufzufordern, verbietet sich hier, da die Wege, die wir ihn führen müfsten, samt und sonders ohne Namen sind, höchstens wie in amerikanischen Städten mit Buchstaben und Ziffern bezeichnet. Wir könnten es uns für unsern gegenwärtigen wie für manchen sonstigen Fall, wo man sich in der Kürze und allgemein verständlich über diesen oder jenen Punkt auf einem Friedhofe aussprechen möchte, als vorteilhaft und keineswegs unwürdig denken, wenn auch die Strafsen in der Totenstadt so gut wie in der der Lebendigen ihre Eigennamen trügen. Wie deutlich und wie ehrwürdig würde es sein, wenn man von einem Wege der Ruhe, der Versöhnung, der Hoffnung oder von einer Strafse der Psalmen, Strafse Hiobs, Strafse Josephs von Arimathia reden könnte.

Beginnen wir bei den Marmorfiguren unserer heimischen Künstler, und zwar bei denen unseres Altmeisters Karl Steinhäuser, so haben wir eine Caritas, eine knieendc, von Kindern umgebene Gestalt auf der Grabstätte C. A. Heineken zu erwähnen und eine andere, schlanke stehende, ein Kind auf den Armen tragende Figur (Fricdr. Müller). Diese beiden Werke rechtfertigen noch mehr als die Höpkensche Figur den Stolz, mit dem Bremen auf seinen Sohn blickt, der zu einer Zeit, die aller künstlerischen Bestrebung mehr als skeptisch gegenüberstand, den Mut hatte, Künstler zu werden. Auch ein Werk von J. Steinhäuser jun. (L. Geerken) müssen wir hier nennen, obwohl es hinter den eben erwähnten weit zurücksteht. An diese reiht sich der schöne Engel auf dem Grabe Teichmanns von Kropp, eine Figur, der wir unter allen, die der Künstler in diesem Genre geschaffen hat, den ersten Preis zuerkennen müssen. Denn wenn Kropps Veranlagung eigentlich von Haus aus auf das Derb-Charakteristische geht, auf Figuren wie der Walfischfänger und Maschinenbauer und ähnliche, die den Schmuck unserer Börsenfassade bilden, und ihm der sogenannnte Idealismus weniger nahe liegt, so hat er doch in diesem Engel bewiesen, dafs auch dieses Gebiet ihm keines­wegs verschlossen ist, wenn er es einmal ernstlich darauf anlegt, es zu betreten. Überragt freilich wird die Figur durch ihre nächste Nachbarin, die Hoffnung von dem Wiener Künstler Kalmstciner auf der Ruhestätte der Familie Jos. Hachez. Kalmsteiner hat gleich Dausch den Vorzug gehabt, eine gröfsere Anzahl von Arbeiten für bremische Gönner und Freunde aus­zuführen und wir werden beiden Namen noch wiederholt begegnen; die in Rede stehende gehört zu seinen besten und zeichnet sich nicht nur durch ihre edle Schönheit und elegante technische Behandlung aus, sondern auch durch eine Tiefe des Gefühls, die sonst dergleichen allegorischen Gestalten leider nicht allzuoft eigen ist. Namentlich die schlaffruhendc, offene, leere Hand deutet wahrhaft rührend auf den Verlust alles Irdischen und Zeitlichen und die Erwartung eines von oben kommenden Heils. Eine zweite Figur Kalm­steiners, ein aufstrebender Genius über dem Grabe eines früh verstorbenen Arztes Dr. B. Mester, zeigt schon ein wenig von dem Nachlassen der Künstler­kraft, die denn ja auch thatsächlich bald ganz erlosch. Das beste Werk, das Const. Dausch in Rom geschaffen hat, weist gleichfalls unser Riensberger