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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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IV. Ausblick

Ein Ausblick am Ende dieser Darstellung mag nochmals auf ihren Anfang mit dem Jahr 1716 zurückkommen, als man fürchtete, ein bettelarmer, halbnack­ter Mann habe die Pest aus Stralsund wieder nach Bremen eingeschleppt. Der Verdacht erwies sich als unbegründet. Nach dem Vorbild anderer Staaten ver­stärkte die Stadt im Laufe des 18. Jahrhunderts die vorbeugenden Abwehr­maßnahmen, unter denen die Quarantäneeinrichtungen um so wichtiger wur­den, je mehr der Seeverkehr besonders aus den Mittelmeerhäfen zunahm, von denen noch lange Pestgefahren ausgingen 89 . Nur wenige Jahre nach Bremen war auch Niedersachsen pestfrei. Der Gedanke an eine mögliche Wiederkehr aber schwand nicht so schnell. Noch als der Stader Generalsuperintendent Jo­hann Hinrich Pratje 1769 eine neue Kirchenordnung entwarf, fügte er ihr einen eigenen Paragraphen über die Behandlung von Pesttoten ein 90 .

Die tatsächliche Bedrohung ging aber in immer größerem Umfang von an­deren Seuchen aus, die bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts von der Pest in den Hintergrund gedrängt worden waren, besonders von der Ruhr und den Blattern. So verzeichnete man 1759, als Bremen zeitweise von fremden Trup­pen mit einem eigenen Lazarett besetzt war, im Kirchspiel Unser Lieben Frau­en unter insgesamt 169 Toten 51 an "Dissenteria" Verstorbene 91 . Große Be­sorgnis erregten in den Jahren 1771 bis 1785 die zahlreichen Pockenfälle im Blauen Waisenhaus, die der Eltermann Johann Daniel Warneken, ein scharfer Kritiker öffentlicher Mißstände, auf die falsche Sparsamkeit im Gesundheits­wesen zurückführte 92 . "Es sind also im Durchschnitt von 14 Jahren fast 24 jähr­lich, eine große Sterblichkeit, da die Zahl der Kinder nur in dem ersten Jahren 190 war, niemahls auf 180 stieg und im Durchschnitt der 14 Jahre nicht volle 170 betrug. Vermutlich haben die Blattern in den mörderischen siebenziger Jahren diese Verwüstung angerichtet. Eingeimpfet wurden sie zwarn hier schon lange 93 , aber das wird sich wohl nicht auf die Waysenhäuser erstrecket haben, den ein mit 8 Tjalern] jährliches Honorarium angenommener Medicus kann wohl keinen Antrieb haben, ein am äußersten Ende der Stadt gelegenes Haus täglich zu besuchen, wie doch beym Einimpfen hätte geschehen müs­sen. "

In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts beschäftigte die Pest noch einmal zwei Männer in Bremen mit umfangreichen literarischen Arbeiten. Der Arzt Arnold Wienholt verfaßte 1786 eine Geschichte der Pest in Bremen

89 Falliner.

90 Otte, S. 240 f.

91 2-T.4.a.l.g.3., S. 378

92 2-T.6.q.l.h.

93 Warneken spricht hier von der in Bremen seit 1756 praktizierten Pockeninokulation, bei der Pustelinhalt leicht Pockenkranker auf Gesunde übertragen wurde, um eine harmlose künstliche Erkrankung zu erzeugen, die Immunität gegen die epidemi­schen Pocken hinterlassen sollte. Die ersten Kuhpockenimpfungen, die dieses ge­fährliche Verfahren ersetzten, fanden in Bremen im Oktober 1800 statt.

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