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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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III. Örtliche Schwerpunkte und besonders betroffene Gruppen

Erst in der frühen Neuzeit setzen Quellen ein, die die unterschiedliche Betrof­fenheit der einzelnen Stadtteile bezeugen, sieht man von dem isolierten Ein­trag zu 1350 im Bürgerbuch ab, auf den noch einmal zurückzukommen sein wird. Johann Renner berichtet, daß 1566 die meisten Toten auf den St.-Ste- phani-Kirchhof kamen, auf dem sogar Massengräber angelegt werden muß­ten. Solche Bauernkuhlen wurden hier auch 1598 wieder ausgehoben. Aus den Briefen Claude Herlins vom selben Jahr geht hervor, daß in der östlichen Altstadt die schmalen Wohnstraßen zuerst betroffen waren. In der Vorstadt am Rande der Bürgerweide bestand nach seinen Angaben ständig Seuchenge­fahr.

Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts treten weitere Einzelheiten hervor. Im Kirchspiel St. Stephani litten 1610 bis 1612 die Bewohner der Häuser in der Straße vor dem Doventor, in den Buden hinter dem Wall zwischen Doven- und Abbentor und in der benachbarten Neuenstraße am stärksten. Sie gehörten in überwiegenden Maße zur Bürgerkompanie D. Das war die Kompanie mit dem schlechtesten Hausbestand der ganzen Altstadt; in keinem der 19 anderen Be­zirke waren die Mieten so niedrig und die Armen so zahlreich wie in diesem 55 . In anderen Kirchspielen werden die Straße Vor dem Ansgaritor und die Pelzer­und die Buchtstraße genannt, freilich nur in einzelnen Testamenten, so daß kein Schluß auf ein massenhaftes Auftreten an diesen Stellen erlaubt ist. Eine gewisse Ähnlichkeit mit St. Stephani besteht nur darin, daß es sich auch hier um Straßen handelte, die zu den an die Befestigung angrenzenden Bezirken und nicht zum innersten Altstadtbereich um Markt und Obernstraße gehörten.

Auch 1623 erfolgte der erste Einbruch der Pest in Bremen im St.-Stephani- Viertel. Betroffen wurden vor allem die Große und die Kleine Rosenstraße und wieder die kümmerlichen Häuser hinter dem Abbentorswall. Diese zu den Bürgerkompanien S und B gehörigen Gebiete waren der Kompanie D benach­bart; ihre Wohngebäude lagen in der Wertigkeit unter den 20 Bezirken an zweit- und viertletzter Stelle. Freilich blieb der Stadtkern auch nicht ver­schont, wie das Beispiel der schwer heimgesuchten Bucksburg an der Stint­brücke zeigt.

Peter Koster nennt als Orte des frühesten Auftretens der Pest 1655 die Klei­ne Krummenstraße beim Stephanitor und die Marterburg. Die Kleine Krum- menstraße zog sich durch die Bezirke der Bürgerkompanien M und O, deren Hausbestand an Wert die 16. und 18. Stelle unter den 20 Kompanien der Alt­stadt einnahm. Bei den drei bisher betrachteten Pesteinfällen des 17. Jahrhun­derts waren stets zuerst und am stärksten die fünf westlichsten Bürgerkompa­nien von St. Stephani betroffen, in denen die schlechtesten Wohnbedingungen

55 Zur Einteilung der Stadt in Kompaniebezirke vgl. K. Schwarz, Kompanien; für die Einzelheiten der Mietwertermittlung ders., Wohnungsmarkt. Die Quellen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sind am reichhaltigsten und können wegen der außeror­dentlichen Stabilität der Bebauungsverhältnisse auch zur Verdeutlichung älterer Zustände herangezogen werden.

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