Dr. med. W. Lürman, Schulwesen.
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die Mehrzahl der Volksschulkinder in bezug auf Luft und Licht in ungünstigen häuslichen Verhältnissen lebt, ihnen somit die Schule wenigstens während der Wintermonate das ersetzen soll, was sie zu Hause entbehren. So belebend das unmittelbare Sonnenlicht wirken mag und so willkommen es im allgemeinen für den Aufenthalt in Arbeitsräumen ist, so nachteilig wirkt es andererseits auf die Arbeitsplätze ein, bei welchen das Auge eine so hervorragende Rolle spielt. Ein guter, sicherer Sonnenschutz bringt unzweifelhaft eine teilweise Verdunkelung des Klassenzimmers mit sich. Man wird sich also entscheiden müssen, welches der beiden Momente man für das wichtigere hält, oder versuchen einen Weg einzuschlagen, auf welchem beiden Anforderungen Rechnung getragen werden kann, wobei zu berücksichtigen ist, daß in den bremischen Volksschulen morgens und nachmittags unterrichtet wird. Der Gesundheitsrat hat von jeher dieser Frage großes Interesse entgegengebracht und bei seinem Entscheid sich weniger von theoretischen als von praktischen Gründen leiten lassen. Dazu lieferten ihm die alljährlich vorgenommenen Schulbesichtigungen und Umfrage bei den Schulvorstehern und Lehrern wichtige Anhaltspunkte. Bei dem in Bremen herrschenden Küstenklima gehört eine größere Reihe wolkenloser Tage auch während der Sommermonate zu den Seltenheiten. Es ist daher mit dem Umstände zu rechnen, daß grelle Sonnenbeleuchtung mit tiefen Wolkenschatten abwechselt. Unter der Annahme, daß es der Hygiene nicht entspricht die Schulzimmer gänzlich von der Einwirkung des direkten Sonnenlichtes auszuschließen, dagegen eine kurze Besonnung ohne eine zu intensive Wärmeentwicklung als vorteilhaft anzusehen, würde die Lage der Fensterfront der Klassenzimmer von Nordost bis Ost zu empfehlen sein. Rückt dagegen die Schulfront über Osten hinaus nach Süden, so treten alle die Bedenken in die Erscheinung, welche ihren Grund in den für die Augen der Kinder so lästigen Blendungserscheinungen haben. Das Arbeiten mit Fenstervorhängen bietet erhebliche Nachteile. Sollen die letzteren, wie oben erwähnt, den Eintritt direkter Sonnenbestrahlung verhindern, so ist die Gefahr vorhanden, daß die ungünstigen, der Fensterfront entfernt liegenden Klassenplätze nicht genügend belichtet werden. Um dies zu verhindern, müßte bei den hiesigen Witterungsverhältnissen ein stetes abwechselndes Auf- und Zuziehen der Fenstervorhänge sattfinden, was schon aus schultechnischen Gründen nicht angängig ist. Außerdem bietet die Lage nach Südosten den Nachteil, daß während der heißen Sommermonate schon frühzeitig eine übermäßige Wärmeentwickelung in den Klassenräumen stattfinden kann. Von den eben geschilderten Gesichtspunkten geleitet, ist der Lage der Fensterfront nach Osten bzw. Nordosten der Vorzug vor der südöstlichen Himmelsrichtung zu geben.
Die hiesigen Volksschulen werden in Ziegelrohbau oder Putzbau aufgeführt. Da, wie schon erwähnt, in der Regel eine einseitige Bebauung der Flure vorgesehen ist, so erwächst dem Architekten die nicht immer leichte Aufgabe bei sehr langer Front und geringer Tiefe einen ästhetisch und harmonisch wirkenden Bau herzustellen. Die hiesigen Volksschulen kommen im ganzen der von der amerikanischen Schoolboard normierten Forderung nach,
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