200 A. Geschichtliches üher die Gebirgsrichtungen und ihren Parallelismus.
Die Zeit nach Eratosthenes, obgleich durch eine allgemeine Abwendung von seinen Ansichten und von seinen Methoden in der Behandlung geographischer Fragen gekennzeichnet, konnte doch keine neuen Thatsachen liefern zur Veränderung und Berichtigung der von ihm aufgestellten Ansicht über die Kontinuierlichkeit und den westöstlichen Verlauf des asiatischen Gebirgszuges. So wird lange nach Eratosthenes die Existenz des allgemein mit „Tauruskette" bezeichneten Gebirgszuges als eines Rückgrates des asiatischen Kontinents keiner Diskussion unterworfen. Die Ausdehnung des römischen Reiches — hauptsächlich in der westliehen und nördlichen Richtung — lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit von der asiatischen Welt ab, und die europäischen Gebirge standen mit ihren zerrütteten Ketten zu kompliziert da, als dafs die Hauptlinien ihres Baues den alten Geographen hätten klar werden können. So sehen wir zwar bei Polybius eine ziemlich weitgehende Bekanntschaft mit den Alpen, allein die Kenntnis der allgemeinen Konfiguration dieses Gebirges, seines Verlaufes und seiner Beziehungen zu den benachbarten Gebirgen müssen wir ihm absprechen *.
Eine genauere Kenntnis all dieser Verhältnisse legt Strabo an den Tag. Allerdings zeichnen sich seine Nachrichten von den asiatischen Erhebungen nicht durch gröfsere Genauigkeit vor den eratosthenischen aus. Auch er nimmt die Existenz eines Gebirgszuges an, der hohe Gebirge und Hochflächen einschliefsen und in verschiedenen Fällen mit dem Namen Taurus, Paropamisus, Imaus, Emodus 2 benannt werden soll. Die Länge dieses Zuges schätzt er auf 45 000 Stadien und die Breite auf 3000 Stadien 8 . Dagegen sind die Angaben über die Gebirgszüge Europas bei Strabo viel genauer, besonders über die Alpen. Es ist Strabo der Verlauf dieser Kette als einer Kurve bekannt, deren konkave Seite nach der italienischen Niederung zugerichtet ist und deren gebogene Enden im Westen an der ligurischen Küste in die Apenninen und im Osten am adriatischen Meere in die illyrische Kette übergehen 4 . Als eine Abzweigung der illyrischen Kette betrachtet er den Balkan. Nördlich von den Alpen, parallel zu ihnen, befindet sich nach ihm der Hercynische Wald, der
1 Bunbury a. a. O. II, S. 23.
2 Vergl. Spruner-Sieglin, Atlas antiquus. Tab. I, 2. — Bunbury a. a. 0. H. S. 238.
3 Karl Johannes Neumann, Strabos Landeskunde von Kaukasien. Jahrb. f. klassische Philol. XIII. Supplem. Leipzig 1883, S. 322.
* Bunbury a. a. 0. II, S. 251.