Heft 
(2018) Bd. 15. Renaissance
Seite
101
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Rolf Kirsch

Das Kaufmanns-Dielenhaus Langenstraße 28 - das letzte seiner Art in Bremen 1

Das Haus Langenstraße 28 (vormals Nr. 112), besser bekannt als Stammhaus der Firma Sul­ding & Soeken, ist eine große Kostbarkeit für Bremen und für das historische Gedächtnis der Stadt: Es ist heute das letzte mit wesentlichen Teilen der Innenausgestaltung erhaltene Exem­plar des typischen bremischen Kaufmannshau­ses aus der Blütezeit der Stadt um 1600. Diese Kaufmannshäuser präsentierten sich als mehr­geschossige Giebelbauten, die Wohn-, Kontor­und Lagerhaus zugleich waren und die in ähn­licher Form auch in anderen norddeutschen Handelsstädten vorkommen. Sie besaßen eine über zwei Geschosse gehende Diele in der Haus­mitte, von der eine Treppe mit Galerie zum Obergeschoss ihren Ausgang nahm. Das Haus Suding & Soeken verfügt in Bremen über die letzte dieser Dielentreppen, die sich noch an ihrem ursprünglichen Ort befindet. Sie gehört mit ihren prunkvollen Rokokoformen der Zeit um 1730 an, ebenso wie die Modernisierung der Fassade bis zur Traufhöhe mitsamt einer zweigeschossigen Utlucht (Standerker). Das Haus selbst ist älter; sein exaktes Baujahr ist aber nicht bekannt, ebenso wenig wie der Name seines Baumeisters. Der vierstöckige Giebel wird aus stilkritischen Gründen gewöhnlich in die Zeit nach 1620 datiert. Charakteristisch ist die reiche Ornamentik des Giebelumrisses in den Formen der späten sogenannten Weserrenais­sance, besser: des niederländisch beeinflussten norddeutschen Manierismus: Ein stark bewegtes Bandwerk, das in Voluten, ohrmuschelartigen Gebilden und sogenannten Teigkringeln aus­klingt. Die Enden der Giebelstaffeln und der Dachfirst sind mit schlanken Obelisken besetzt. Zierrat und Gliederungselemente aus hellem Obernkirchener Sandstein kontrastieren mit dem roten Backsteinmauerwerk der Fassade.

Die heutigen Backsteine sind allerdings im Bereich oberhalb des ersten Obergeschosses nicht mehr die ursprünglichen. Regelmäßigkeit, Glätte und kleines Format verraten, dass es sich dort um Maschinenziegel handelt. Sie ersetzten 1901, offenbar aus fehlgeleitetem Schönheits­empfinden, die ursprünglichen handgestriche­nen Ziegel. Wir vermissen heute das bewegte Spiel und die Authentizität des alten Mauer­werks. Eine veränderte Wahrnehmung, die wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass hier ein Prinzip der Denkmalpflege ins allgemeine Be- wusstsein vorgedrungen ist. Der Backsteinaus­tausch geschah während eines tief greifenden Umbaus des Hauses für den neuen Eigentü­mer, die Farben- und Lackhandlung Suding & Soeken. Das Hauptdach wurde nun parallel zum Straßenverlauf angeordnet, um mehr nutz­baren Raum zu gewinnen; der alte Prunkgiebel verwandelte sich dadurch in einen Zwerchgie­bel. Erst mit der Aufnahme der Eigenproduk­tion von Farben und Lacken in den 1920er- Jahren erfolgte vermutlich das Einziehen der heutigen Betondecken. Das Haus hatte, als die Firma Suding & Soeken es erwarb, bereits eine wechselvolle Nutzungsgeschichte hinter sich: Seit 1870 hatte es als Kontorhaus für mehrere Firmen gedient, zuvor ab 1837 als Geschäfts­haus der Kram-, Gewürz-, Material- und Farben- warenhandlung Carl Schaller. Das erste Bremer Adressbuch nennt 1794 als Besitzer Johann Eberhard von Hoorn und Hinrich Focke, die eine Linnenhandlung betrieben. Dieses Ge­werbe war vermutlich schon länger, wenn nicht von Anfang an hier ansässig, denn das Schnitz­werk der Treppe zeigt ein prunkvolles, farbig in Rot und Gold gefasstes Tuch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Denk­malpflege mehrmals mit dem Haus befasst. Im