Rolf Kirsch
Das Kaufmanns-Dielenhaus Langenstraße 28 - das letzte seiner Art in Bremen 1
Das Haus Langenstraße 28 (vormals Nr. 112), besser bekannt als Stammhaus der Firma Sulding & Soeken, ist eine große Kostbarkeit für Bremen und für das historische Gedächtnis der Stadt: Es ist heute das letzte mit wesentlichen Teilen der Innenausgestaltung erhaltene Exemplar des typischen bremischen Kaufmannshauses aus der Blütezeit der Stadt um 1600. Diese Kaufmannshäuser präsentierten sich als mehrgeschossige Giebelbauten, die Wohn-, Kontorund Lagerhaus zugleich waren und die in ähnlicher Form auch in anderen norddeutschen Handelsstädten vorkommen. Sie besaßen eine über zwei Geschosse gehende Diele in der Hausmitte, von der eine Treppe mit Galerie zum Obergeschoss ihren Ausgang nahm. Das Haus Suding & Soeken verfügt in Bremen über die letzte dieser Dielentreppen, die sich noch an ihrem ursprünglichen Ort befindet. Sie gehört mit ihren prunkvollen Rokokoformen der Zeit um 1730 an, ebenso wie die Modernisierung der Fassade bis zur Traufhöhe mitsamt einer zweigeschossigen Utlucht (Standerker). Das Haus selbst ist älter; sein exaktes Baujahr ist aber nicht bekannt, ebenso wenig wie der Name seines Baumeisters. Der vierstöckige Giebel wird aus stilkritischen Gründen gewöhnlich in die Zeit nach 1620 datiert. Charakteristisch ist die reiche Ornamentik des Giebelumrisses in den Formen der späten sogenannten Weserrenaissance, besser: des niederländisch beeinflussten norddeutschen Manierismus: Ein stark bewegtes Bandwerk, das in Voluten, ohrmuschelartigen Gebilden und sogenannten Teigkringeln ausklingt. Die Enden der Giebelstaffeln und der Dachfirst sind mit schlanken Obelisken besetzt. Zierrat und Gliederungselemente aus hellem Obernkirchener Sandstein kontrastieren mit dem roten Backsteinmauerwerk der Fassade.
Die heutigen Backsteine sind allerdings im Bereich oberhalb des ersten Obergeschosses nicht mehr die ursprünglichen. Regelmäßigkeit, Glätte und kleines Format verraten, dass es sich dort um Maschinenziegel handelt. Sie ersetzten 1901, offenbar aus fehlgeleitetem Schönheitsempfinden, die ursprünglichen handgestrichenen Ziegel. Wir vermissen heute das bewegte Spiel und die Authentizität des alten Mauerwerks. Eine veränderte Wahrnehmung, die wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass hier ein Prinzip der Denkmalpflege ins allgemeine Be- wusstsein vorgedrungen ist. Der Backsteinaustausch geschah während eines tief greifenden Umbaus des Hauses für den neuen Eigentümer, die Farben- und Lackhandlung Suding & Soeken. Das Hauptdach wurde nun parallel zum Straßenverlauf angeordnet, um mehr nutzbaren Raum zu gewinnen; der alte Prunkgiebel verwandelte sich dadurch in einen Zwerchgiebel. Erst mit der Aufnahme der Eigenproduktion von Farben und Lacken in den 1920er- Jahren erfolgte vermutlich das Einziehen der heutigen Betondecken. Das Haus hatte, als die Firma Suding & Soeken es erwarb, bereits eine wechselvolle Nutzungsgeschichte hinter sich: Seit 1870 hatte es als Kontorhaus für mehrere Firmen gedient, zuvor ab 1837 als Geschäftshaus der Kram-, Gewürz-, Material- und Farben- warenhandlung Carl Schaller. Das erste Bremer Adressbuch nennt 1794 als Besitzer Johann Eberhard von Hoorn und Hinrich Focke, die eine Linnenhandlung betrieben. Dieses Gewerbe war vermutlich schon länger, wenn nicht von Anfang an hier ansässig, denn das Schnitzwerk der Treppe zeigt ein prunkvolles, farbig in Rot und Gold gefasstes Tuch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Denkmalpflege mehrmals mit dem Haus befasst. Im