2. Zu den Betroffenen
Diese Gruppe von Menschen lebte offensichtlich so unauffällig in Bremen, daß selbst Markreich, zu jener Zeit immerhin Vorsteher der Israelitischen Gemeinde, ihr Verschwinden in das Jahr 1937 vorverlegt 12 und auch ältere Bremer Bürger als damalige Zeitgenossen von dieser „Spezialbehandlung" polnischer Juden nie etwas erfahren haben. Diesem Wissensstand entsprechend, liegen sehr unterschiedliche Zahlenangaben vor: 200 — behauptete nach dem Kriege der Vorsteher der Israelitischen Gemeinde 13 , 80 — nennt eine Liste, die damals von der Polizei über die Abgeschobenen aufgestellt wurde 14 . Da Polen nach der Vereinbarung vom Januar 1939 nächste Familienangehörige mitaufnehmen wollte, mögen diese bei der ersten Zahl dazugerechnet sein, auch wenn sie nicht die polnische Staatsangehörigkeit haben mußten. Andererseits kamen zu den 80 Genannten später noch einige Ausgewiesene hinzu, so daß es bei einer ungefähren Zahl, aber etwa in diesen Größenordnungen, bleiben muß.
Bei den polizeilich erfaßten Personen handelte es sich vorwiegend um ältere Ehepaare mit Kindern ab 15 Jahren und junge Ehepaare mit Kindern ab acht Monaten, mehrfach auch um regelrechte Großfamilien vom Kleinkind bis zu den Großeltern und Anverwandten. Die Adressen zeigen, daß sie zwar über das Stadtgebiet verstreut waren, doch die Mehrheit der Polen in enger Nachbarschaft lebte, und zwar vor allem im Gebiet Hastedt/ Sebaldsbrück. Tatsächlich hat es damit eine besondere Bewandtnis 15 .
Hier nämlich, wo sich am Ende des 18. Jahrhunderts — damals noch weit vor den Toren der Stadt — die ersten Juden niedergelassen hatten, siedelten sich um die Zeit des Ersten Weltkrieges mit besonderer Vorliebe Ostjuden an. Sie gründeten eine eigene Gemeinde mit dem Namen „Schomre Schab- bos" (Sabbat-Hüter) und hielten streng an osteuropäischen Bräuchen und jüdischen Ritualen fest. Dazu gehörte das Jiddisch, das sie untereinander sprachen und ihren Kindern und Enkeln weitergaben. In der Nähe des Bahnhofs Sebaldsbrück hatten sie sich eine kleine Synagoge eingerichtet, eher ein Gebetshaus mit zwei einfachen Zimmern, genannt die „Schul". Die Beziehung zur Israelitischen Gemeinde Bremen war locker und beschränkte sich auf die Mitbenutzung der Religionsschule, des Ritualbades und des Gemeindefriedhofes in Hastedt. So führten die „Sebaldsbrücker" innerhalb der Bremer Juden und auch der polnischen Juden ein recht eigenständiges Leben. Untereinander bestanden viele verzweigte verwandtschaftliche Beziehungen, die sich schon dadurch ergaben, daß eine Familie oft die andere nachgeholt hatte, sobald eine Existenzmöglichkeit gegeben war.
12 Markreich, S. 262. Lattka, S. 19, übernimmt diese falschen Zeitangaben.
13 Qu. 61.
14 Verzeichnis der polnischen Staatsangehörigen, welche am 28. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben sind (Qu. 43), abgedruckt bei Bruss, S. 180 ff. Die Ausgewiesenen sind in dem Verzeichnis der Bremer Juden, S. 267 ff., mit erfaßt.
15 Markreich, S. 353 f.
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