mögen hatte, mußte nun noch eine „außerordentliche Abgabe" in Höhe von 10 bis 60 °/o zahlen.
Alle Ausgaben vor der Auswanderung, alle Abgaben für die Auswanderung und alle Aufwendungen für die Einwanderung ergaben solch enorme materielle Belastungen, daß jeder, der in den letzten Jahren auswanderte, in gleicher Weise vor einem Neubeginn stand: derjenige, dessen Besitz noch einigermaßen günstig „arisiert" oder „entjudet" worden war, ebenso wie der, der von vornherein nicht viel oder gar nichts besaß.
Uber die abnehmenden Chancen heißt es in einem Stimmungsbericht der Gestapo: „Die Ausreisemöglichkeiten für Juden sind infolge des Krieges außerordentlich verringert. Der Tätigkeit des jüdischen Hilfsvereins in Zusammenarbeit mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gelang es jedoch, Devisen und Einreisemöglichkeiten für 26 in Bremen wohnhafte Juden zu beschaffen und diese über Holland oder Italien zur Auswanderung zu bringen." 68 Noch etwa 20 weiteren Bremern gelang im Jahre 1941, sogar bis kurz vor dem ersten Deportationsbefehl im Oktober, der Absprung ins Ausland. Damit erhöhte sich die Zahl der in diesen letzten Jahren aus Bremen Ausgewanderten auf etwa 310, d. h. für die gesamte Zeit von 1933 bis 1941 auf etwa 930 Personen. Ende Oktober 1941 war die legale Möglichkeit des Uberlebens vorbei — Heydrich verbot die Auswanderung und ging zu anderen Methoden der Beseitigung der Juden aus dem deutschen Alltagsleben über. „Endlösung" hieß das politische Programm 67 .
V. Zum Umzugsgut
Wenn es den Menschen schon schwerfiel, ihre Heimat zu verlassen, so war es nur verständlich, daß sie alles daransetzten, vertraute oder wertvolle, ererbte oder neue Gegenstände aus Einrichtungen und persönlichem Besitz mit in die Fremde zu nehmen. Dieses so selbstverständliche Bedürfnis wurde schnell zu einem besonderen Kapitel der Auswanderung.
In den ersten Jahren der Auswanderung wurde kein besonderes Augenmerk darauf verwandt, was die Juden an persönlichem Besitz mitnahmen und auf welchem Wege sie dies taten. Wer sich nicht für einen Verkauf entscheiden konnte, um nur den Erlös für den Aufbau einer Existenz zu verwenden, mußte, wenn er seinen Besitz nicht zurücklassen wollte, den kostspieligen und zeitraubenden Transport über eine Spedition in Kauf nehmen. Doch je mehr die staatlichen Stellen ein Auge auf die Besitztümer der Juden warfen und durch Verordnungen an sie heranzukommen trachteten, desto absehbarer war, daß auch diese Güter zur staatlichen Bereiche-
66 Stimmungsber. der Gestapo vom 6. 3. 1940 (Qu. 62). Die Reichsvereinigung scheint wirklich segensreich gearbeitet zu haben. Genschel, S. 262, spricht von 100 000 Juden, die durch sie bis 1941 noch herausgebracht wurden.
67 Ab 1. 1. 1942 wurden die Auswandererberatung durch die Reichsvereinigung der Juden eingestellt, ihre Beratungsstellen geschlossen. Schreiben der Reichsstelle für das Auswanderungswesen vom 22. I. 1942 an den RMdl (Qu. 4).
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