F. Auswanderung
Auswanderung gab es zu allen Zeiten, unter allen Völkern und aus den verschiedensten Gründen. Was die jüdische Auswanderung ab 1933 heraushebt und befragungswürdig macht, ist zum einen die Frage nach Motiven und Vorstellungen derjenigen, die früh das Land verließen, zum anderen die Frage nach den Gründen der Auf- und Abwärtsentwicklungen der Auswanderungsbestrebungen, ferner nach den Bedingungen, unter denen man auswandern konnte. Hieraus ergeben sich für das Schicksal, die Lebenshaltung und -gestaltung der Auswanderungswilligen, der Ausgewanderten und der Daheimgebliebenen gleichermaßen entscheidende Aussagen. So ist klar zu unterscheiden zwischen der Auswanderung von 1933 bis 1938 und der ab Februar 1939. Das Besondere der jüdischen Emigration während des „Dritten Reiches" ist, daß die sonst auf freier Willensentscheidung beruhende Auswanderung sich hier als ständige Frage für eine fremdbestimmte Gruppe stellte, deren Entscheidungsmöglichkeit zunehmend eingeengt und die schließlich in eindeutiger Weise zum Verlassen ihrer Heimat aufgefordert wurde 1 .
I. 1933
Vor einer Auswanderung stand und steht, formal gesehen, ein solcher Berg von Behördengängen, Anträgen und Erledigungen, ideell gesehen, von Überlegungen, Skrupeln, Skepsis, Mut und Entschlossenheit, daß man diese ganze Palette sehen muß, um zu ermessen, was es bedeutete, wenn angesichts antijüdischer Politik und beginnender Vernichtungsstrategie der Plan zur Auswanderung reifte.
Beratung und Hilfe waren nötig. Man konnte sie finden bei der Auswandererberatungsstelle Bremen und ab 1936 zusätzlich bei der Bremer Zweigstelle des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland für Auswanderungsangelegenheiten".
Einzige Anlaufstelle in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft war also die genannte Auskunfts- und Beratungsstelle 2 . Bei ihr schlug sich das in bisher unüblichem Arbeitsanfall nieder: „Mit dem Tage der nationalen Wiedergeburt Deutschlands setzte unter der jüdischen Bevölkerung eine Auswanderungslust ein, wie sie seit Bestehen der Auswandererberatungsstelle nicht beobachtet worden ist. In ganz besonderem Maße stieg der Drang zur Auswanderung nach den Tagen des am 1. April
1 über Zahl und Zielländer der jüdischen Auswanderer vgl. Anhang, S. 251 ff.
2 Die Auswandererberatungsstelle Bremen, Dechanatstr. 15, zuständig für Hannover, Oldenburg und Bremen, war eine Filiale der Reichsstelle für das Auswanderungswesen.
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