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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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zu erlangen." 48 Sehr viele also spielten mit dem Gedanken der Auswande­rung, zu wenige konnten ihn letztlich in die Tat umsetzen. Immerhin verließ eine Zahl von 278 Personen in diesem Jahr ihren alten Wohnort. Damit hatten seit der Machtergreifung etwa 620 Juden Bremen bereits den Rücken gekehrt. Doch offensichtlich holten sich auch mehr Menschen, als tatsäch­lich auswanderten, die Unbedenklichkeitsbescheinigung zur Erlangung eines Reisepasses 49 . Auswanderung galt seit November 1937 als einer der Ausnahmefälle, für die Juden überhaupt noch einen Auslandspaß ausgestellt bekamen 50 . Die Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde im übrigen nach eigenen Angaben der Auswandeierberatungsstelle solchen Juden sofort abgegeben, die von der Gemeinde von der Auswandererabgabe befreit und damit als mittellos eingestuft waren 51 . Alle anderen erhielten die be­gehrte Bescheinigung und damit den Paß erst gegen Vorlage einer Quittung über die geleistete Auswandererabgabe.

IV. 1939 bis 1941

Anfang 1939 wurde die Auswanderung der Juden ein zentrales Anliegen der staatlichen Stellen. Nachdem die Ausschaltung aus der Wirtschaft er­folgreich in die Wege geleitet war, stellte der Beauftragte für den Vier­jahresplan, Göring, mit Schreiben vom 24. Januar 1939 die Förderung der Auswanderung an die erste Stelle und traf alle Vorbereitungen für diese großangelegte Vertreibung 52 .

Der erste Schritt war die Bildung einerReichszentrale für die jüdische Auswanderung", deren Leitung Reinhard Heydrich als Chef der Sicherheits­polizei übernahm 53 . Jetzt wurde von höchster Stelle geregelt, was in den ver­gangenen sechs Jahren oft genug nur mit Verzögerungen, schikanösen Bestim­mungen, zermürbenden Verwaltungswegen zu erreichen gewesen war:Die Durchführung der Auswanderung im EinzeUall" sollte beschleunigt werden, indem die neue Reichsstelle die Auswanderungsanträge zentral bearbeitete und mit Görings Wortendie für den einzelnen Auswanderer erforderlichen staatlichen Ausweise und Bescheinigungen schnell und reibungslos be- schafft[e] und den Vollzug der Auswanderung überwachte] " 54 .

Zu denMaßnahmen zur Vorbereitung einer verstärkten Auswanderung der Juden" gehörte die Gründung einer jüdischen Organisation, die Aus-

48 Markreich, S. 264.

49 Im Ber. der Reichsstelle für das Auswanderungswesen vom 8. 1. 1938 wurde das so beurteilt, daß die Juden keine Lücke in den Reisevorbereitungen offenlassen wollten und vieles prophylaktisch einholten (Qu. 105).

50 Vgl. S. 84, Anm. 304.

51 VJB, Januar bis März 1939.

52 Schreiben Görings vom 24. 1. 1939 an den RMdl (Qu. 87).

53 Schreiben Heydrichs vom 11. 2. 1939 zur Information der zuständigen Behörde, in Bremen der Sen. für die innere Verwaltung (Qu. 104).

54 Wie Anm. 52.

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