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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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Wandererberatungsstelle jedoch zu keinem Zeitpunkt dienen, da zwar die meisten Auswanderungswilligen zu ihr kamen, schon um das Gutachten für die Devisenbewirtschaftungsstelle zu erhalten, vermögende Juden des hiesigen Bezirks aber häufig auswanderten, ohne das Gutachten eingeholt zu haben 23 . Das konnte gelingen, wenn man sich nicht um die Devisen­bestimmungen kümmerte oder die Devisenbewirtschaftungsstelle die Geld­mittel ohne Gutachten der Beratungsstelle freigab 24 .

Daß es Juden immer wieder gelang, größere Geldbeträge ins Ausland mitzunehmen, war den arischen Beratern offensichtlich ein Dorn im Auge. Zum einen waren es nicht die ärmsten Juden, die noch einmal auf den Aufbau einer neuen Existenz hofften 25 , zum anderen kursierten viele Ge­rüchte über das besondere Geschick der Juden im Geldschmuggel 29 .

III. 1936 bis 1938

Die Bemühungen einiger Juden, ihre Glaubensgenossen auf eine Aus­wanderung vorzubereiten, bezogen sich weiterhin auf das Zielland Palästina und stießen nach wie vor auf Widerstand bei der amtlich befugten Stelle, wenn sie auch nur den Anschein einer Konkurrenz in der Bearbeitung von Palästina-Ausreisen erweckten. Im wesentlichen beschränkten sich aber diese Vorbereitungen auf Vermittlung einer Art Palästina-Kunde, von Reiseerlebnissen und Kenntnissen in jüdischer Geschichte, letzteres vor allem für Jugendliche. Dazu wurden Zusammenkünfte in Privatwohnungen ebenso wie Vorträge und Filme in den Räumen der jüdischen Gemeinde organisiert 27 .

Trotz dieser Informationen ging das Interesse an Palästina im Jahre 1936 zurück. Welche Gründe dies auch immer hatte, ein Existenzaufbau in die­sem Land war mit so vielen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten belastet, daß die Verlockungen des ehemalsGelobten Landes" im Laufe der Zeit einer nüchternen Betrachtungsweise Platz machten. Wer irgendwelche Be­ziehungen nach den USA hatte und wem es gelang, eine Bürgschaft für seinen Aufenthalt zu beschaffen, wählte zunehmend dieses Land 28 . Die

23 VJB, April bis Juni 1935.

24 VJB, Okt. bis Dez. 1934.

25 Die Gutachten betrafen Beträge zwischen durchschnittlich RM 12, bis 15 000,, während arische Auswanderer etwa RM 1000, bis 5000, angaben.

26 VJB, Okt. bis Dez. 1935.

27 So schulte Schaja Sternheim* jugendliche jüdische Auswanderer in historisch­religiösen Grundkenntnissen über das Judentum, und zwar im III. Stock des Hauses Sögestr. 49. Dr. Rosenak" hielt am 20. 11. 1935 vor jüdischen Zuhörern einen Vortrag über seine Reise nach Israel. Am 19. 1. 1936 wurde für die jüdische Gemeinde ein Film gezeigt:Das Land der Verheißung" (Wiederaufbau Palästinas durch das jüdische Volk). (VJB, Okt. bis Dez. 1935, Jan. bis März 1936.)

28 Doch war die amerikanische Einwanderungspolitik nicht sonderlich juden­freundlich. Juden durften nur im Rahmen der allgemeinen deutschen Quote

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