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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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II. 1934 und 1935

Die historisch bedingte große Palästina-Nachfrage hatte in Berlin, wie schon erwähnt, ein besonderes Palästina-Amt entstehen lassen. Es wurde erforderlich, daß über den Informationsstand der lokalen Auswanderungs­beratungsstellen hinaus detaillierte Auskünfte über das Zielland eingeholt wurden. Zu dieser Hilfe für ihre jüdischen Mitbürger fanden sich mit Beginn der Auswanderungswelle Personen bereit, die sich, meist aus eige­nem Interesse, darauf spezialisierten und ehrenamtlich Zeit dafür aufwende­ten. Doch war das den offiziellen Beratungsstellen gar nicht recht, verstieß auch gegen entsprechende Bestimmungen. So wurde in Bremen ein jüdischer Zahnarzt sofort verwarnt, der unbefugtjüdischen Auswanderern gegen­über als ehrenamtlicher Vertreter des Palästina-Amtes in Berlin auftrat und glaubte [. . .] Auskünfte und [. . .] Ratschläge [. ..] geben zu können" 19 . Die positiven Seiten einer gründlichen, die Voraussetzungen im Lande be­denkenden Vorbereitung wurden dabei nicht in die Waagschale geworfen.

Ab 1934 pendelte sich die Auswanderung auf einem gewissen Niveau ein, ja, in Bremen sprach man von einemNachlassen der jüdischen Aus­wanderung im hiesigen Bezirk" 20 . Diese Tendenz setzte sich das ganze Jahr 1935 hindurch fort 21 , nicht aber, was die Ratsuchenden anbelangte. Hier schnellten nach dem Erlaß derNürnberger Gesetze" vom 15. September 1935 die Zahlen sprunghaft in die Höhe 22 .

Neben Palästina fanden südamerikanische Länder, wie Argentinien und Chile, größtes Interesse. Mit genauen Auswandererzahlen konnte die Aus-

19 VJB, Jan. bis März 1934. Es handelte sich mit Sicherheit um Dr. Kurt Zacharias*. Aus einem Vermerk der Gestapo vom 19. 1. 1934 geht hervor, daß er einer Gruppe von etwa 20 Personen behilflich war, die Nachweise, die für ein Siedeln in Palästina erforderlich waren, zu beschaffen. Dazu gehörte auch eine halb­jährige Ausbildung in der Landwirtschaft, für die er jüdische Unternehmen auf dem Lande um Bremen herum gewinnen wollte (Qu. 96). Wieweit ihm das noch gelang, war nicht zu ermitteln. Er selbst wanderte mit seiner Frau am 16. 9. 1934 nach Palästina aus. Zumindest war seine Vorsorge angebracht. In den Staa­ten, die eine Einwanderung zuließen, wurde streng darauf gesehen, daß solche Berufsgruppen ins Land kamen, an denen man selbst Mangel litt; in Palästina waren das bekanntermaßen landwirtschaftliche Arbeiter und Handwerker.

20 VJB Okt. bis Dez. 1934. Dies belegen auch die Zahlen, die Markreich, S. 244, für 1934 angibt. Danach wanderten 59 Juden aus (im Vergleich zu 97 im Jahre 1933), davon nach europäischen Ländern: 10 Männer, 21 Frauen, nach Ubersee 11 Männer, 17 Frauen.

21 Ebd. auch Zahlen für 1935: Insgesamt 35 Juden, davon gingen nach europäischen Ländern: 14 Männer, 9 Frauen, nach Ubersee: 8 Männer, 4 Frauen.

22 VJB, Juli bis Sept. 1935. Auskünfte über Palästina waren im Amtsbezirk 231mal im Vergleich zu 32mal im vorhergehenden Berichtsabschnitt gewünscht wor­den. Der Berichterstatter war sich im klaren, daß derAntrieb zu dieser an­schwellenden Auswanderung [. . .] in erster Linie die Verkündung der Gesetze zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" war. Für die Zeit Okt. bis Dez. 1935 stieg die Zahl der Palästina-Nachfragen auf 648 an.

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