erfolgten Boykotts." 3 Die ratsuchenden Juden seien aus allen Gesellschaftsschichten gekommen, vor allem aber aus dem Kreis selbständiger Geschäftsleute, Ärzte und Juristen. „Die Beweggründe zur Auswanderung waren vornehmlich in der fortgesetzten Schrumpfung ihrer Geschäfte zu suchen." 4
Doch gingen Bremer Juden nicht nur zur Beratungsstelle, wenn sie sich ihrer Sache schon sicher waren. Groß war auch die Zahl derer, die sich nach der Möglichkeit einer Ausfuhr ihres Kapitals erkundigten oder ein von der Beratungsstelle ausgestelltes Gutachten für die Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung brauchten 5 . Diese Gutachten orientierten sich nicht — wie es möglich gewesen wäre — an dem vorhandenen Vermögen, sondern an den Verhältnissen im Auswanderungsland und der Art der aufzubauenden Existenz 6 , im übrigen mit der Begründung der Bremer Auswandererberatungsstelle, man müsse schon deshalb so verfahren, um eine Freigabe der ganzen, oftmals recht hohen Vermögen zu verhindern 7 .
Für diejenigen, die 1933 dem Reich den Rücken kehren wollten, stand Palästina, über das man recht gut unterrichtet war, oft durch bereits dort lebende Verwandte, als außereuropäisches Zielland an erster Stelle, zumindest was die Beratung anbelangte 8 . Wer keine Beziehungen zu und in diesem Land hatte, nahm die Vereinigung deutscher Einwanderer in Tel Aviv oder das Palästina-Amt in Berlin in Anspruch. Unter den europäischen Ländern waren es die Niederlande, für die sich die meisten Interessenten fanden. Daß es bei beiden Zielländern nicht nur bei Anfragen blieb, sondern tatsächlich zur Abwanderung dorthin kam, geht auch aus einem Vorstandsbericht der jüdischen Gemeinde hervor 9 , wonach 1933 insgesamt 50 Männer, 28 Frauen und 19 Kinder, also 97 Personen, auswanderten, und zwar 15 Personen nach Palästina und 41 in die Niederlande. Das restliche Drittel verteilte sich gleichmäßig auf Nord- und Südamerika und einige europäische Länder. Wieweit diese Länder als neue Heimat gedacht oder nur zeitweiliger Aufenthaltsort waren, muß dahingestellt bleiben. Es ist allerdings bekannt,
3 Qu. 2. Ber. der Auswandererberatungsstelle an den Senatskommissar für Handel und Schiffahrt vom 27. 6. 1933.
4 Ebd. Die verringerte Geschäftstätigkeit dürfte zu dieser Zeit noch nicht der Hauptgrund für die Auswanderung gewesen sein. Eine „fortgesetzte Schrumpfung" trat später ein.
5 Das Gutachten von der Auswandererstelle war nach der „Verordnung des Reichspräsidenten über die Devisenbewirtschaftung" vom 1. 8. 1931 (RGBl I S. 421) nötig, wenn mehr als RM 200,— für eine Existenzgründung nötig waren.
6 Die Einwanderungsbehörden machten die Einwanderungserlaubnis von Kapitalnachweisen abhängig, die je nach Berufsart differierten. Am wenigsten verlangten sie von Angehörigen kaufmännischer und handwerklicher Berufe, am meisten von solchen, die landwirtschaftliche oder industrielle Unternehmen gründen wollten.
7 Offensichtlich wanderten zu dieser Zeit hauptsächlich begüterte Juden aus. Ber. der Reichsstelle für das Auswanderungswesen vom 26. 8. 1933 (Qu. 105).
8 Vierteljahresbericht der Auswandererberatungsstelle Bremen (VJB, Qu. 2), April bis Juni 1933.
9 Markreich, S. 414 f., Vorstandsbericht für 1933.
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