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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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I. Das Zerstörungswerk

Wie bekannt, schien die Ermordung des deutschen Botschaftsbeamten vom Rath am 7. November 1938 in Paris durch einen 17jährigen polnischen Juden den Nationalsozialisten wie gerufen gekommen zu sein. Die Tat und die durch aufgebauschte Presseberichte erzeugte antijüdische Stimmung trafen nahezu zusammen mit den von der NSDAP alljährlich am 9. Novem­ber abgehaltenen Feiern für die 1923 für die Hitler-Bewegung ums Leben Gekommenen.

Auf einem Kameradschaftstreffen in München teilte Reichspropaganda­minister Dr. Goebbels an diesem Abend den anwesenden Parteiführern mit, daß es in einigen Orten judenfeindliche Kundgebungen gegeben habe, jüdische Geschäfte zerstört und Synagogen in Brand gesetzt worden seien. Hitler habe sich gegen Vorbereitung und Organisation solcher Demonstra­tionen durch die Partei entschieden, bei spontaner Entstehung jedoch solle man nicht entgegentreten. Die Interpretation dieser Worte durch die An­wesenden die Partei solle nicht als Urheber, sondern als Organisator auftreten hatte verheerende Folgen. Unter dem Eindruck der Mordtat in Paris und sicher auch aus der Stimmung des Abends heraus gaben die Parteiführer noch in der Nacht von München aus ihre Befehle an die heimat­lichen Dienststellen:

Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, daß keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wertgegenstände einschließlich Geld sicher. Die Presse ist heranzuziehen.

Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohn­häuser arischer Deutscher zu schützen [...] Jüdische anliegende Wohnhäu­ser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Die Polizei darf nicht eingreifen [...]

Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text: .Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit den Völkern, die judenhörig sind.' Dieses kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.'"

Diese Befehle wurden auch vom Führer der SA-Gruppe Nordsee und Regierenden Bürgermeister von Bremen, Heinrich Böhmcker, aus München nach Bremen und Bremerhaven durchgegeben und bildeten die Grundlage für die weiteren Geschehnisse 2 .

Die telefonische Übermittlung des an diesem Abend tatsächlich auf dem Kameradschaftsabend in München weilenden Bürgermeisters das erga-

2 Zitiert nach der Urteilsbegründung vom 20. 9. 1948 im Prozeß um die Ermordung Heinrich Rosenblums (Qu. 100).

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