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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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aber gerade sie, durch solche Ansätze empfindlich getroffen, gewarnt waren und noch rechtzeitig Konsequenzen zogen. Sie konnten mit ihren Mitteln eine immer teurer werdende Auswanderung finanzieren, sie konnten mit berufsbedingten Fähigkeiten und alten Beziehungen manche sonst verschlos­sene Möglichkeit nutzen, um dem enger werdenden Netz zu entgehen. Auch wurde gerade da, wo größerer Grundbesitz vorhanden war, mit dessenEnt- judung" ab Dezember 1938 noch einmal eine in dieser Situation hilfreiche Geldquelle erschlossen.

3. Zu den Besitzern mittlerer und kleiner Vermögen

Etwa 250 Anmeldungen betrafen mittlere bis kleine Vermögen 14 . Im Ver­gleich zu der ja immer noch großen Restgruppe derer, die gar nichts anmel­deten, weil sie unter die 5000-RM-Grenze fielen, gehörten diese noch zu den Besitzenden. Das schon kann Ausgangspunkt sein für die Frage: Wer von ihnen konnte oder wollte die Chance der Auswanderung ergreifen, wer fiel der Vernichtung zum Opfer? Es ergeben sich folgende Zahlen: 120 Per­sonen konnten auswandern, 50 Personen wurden nach Minsk, 31 Personen nach Theresienstadt deportiert 15 . Immerhin konnte demnach fast die Hälfte dieser Gruppe «ins Ausland gelangen, gewiß dank ihrer Vermögenswerte, die ihnen zunächst einmal die Auswanderung ermöglichten. Daß der beschei­dene Wohlstand, ein Dach über dem Kopf, neu erarbeitet werden mußte, war das bittere Los aller Auswanderer.

Der relativ hohe Anteil dieser Gruppe an der Zahl der nach Theresienstadt Deportierten (ca. 20%, verglichen mit ca. 10% der nach Minsk Deportier­ten) erklärt sich so wie das Zustandekommen ihres Besitzes durch ihr Alter: Gerade ältere Menschen hatten sich in früheren, wirtschaftlich weniger schwierigen Zeiten überhaupt Vermögenswerte erarbeiten können, die ihnen einen gesicherten Lebensabend garantieren sollten. Wer nun bereits im jüdischen Altersheim wohnte, wer nicht mehr die körperliche und seelische Kraft zum Fortgang aus Bremen gehabt hatte, der konnte dieser Deportation 1942 nicht entrinnen.

Die vielen anderen Mitbürger, denen Minsk und Theresienstadt nicht erspart blieben, hatten nichts anzumelden gehabt und infolgedessen kaum eine Chance. Sie konnten keine Flucht finanzieren und mußten inzwischen ohne reguläre Verdienstmöglichkeit mehr schlecht als recht ihr Dasein fristen.

14 Ohne unklare Fälle, ohne Juden mit arischen Ehepartnern, ohne die vor dem 26. 4. 1938 Verstorbenen.

15 Für die verbleibenden ca. 50 Personen war zu ermitteln: 13 Juden wurden nach Polenabgeschoben", ein Jude starb in Dachau, zwei wurden ermordet (Kristall­nacht"), zwölf verstarben in Bremen, sieben verzogen in eine andere deutsche Stadt, 13 hatten das Glück, arisch verheiratet zu sein.

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