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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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einigen auch niederschlägt in den hohensonstigen Vermögenswerten" (bis zu RM 140 000,). Interessanterweise waren von den ca. 15 höchsten inlän­dischen Vermögen 10 zehn in den Händen jüdischer Frauen wahrscheinlich eben durch Erbe von Vätern oder Ehemännern.

2. Zu den Besitzern großer Vermögen

Die Besitzer der großen Vermögen wohnten fast alle in den auch von anderen gutsituierten Bremer Bürgern bevorzugten Stadtvierteln 11 , wie z. B. Schwachhausen. Ihren Wohlstand hatten sie sich vorwiegend als offensicht­lich tüchtige Geschäftsleute im Handel erworben: Handel mit Kohlen war ebenso vertreten wie Buch- und Kunsthandel, Handel mit Rohprodukten ebenso wie Gold- und Schmuckhandel; der Inhaber eines Modesalons war ebenso zu Geld gekommen wie der Fabrikant von Herrengarderobe, der Diplom-Ingenieur wie der Arzt.

Auch die ererbten Vermögen lagen in Firmen fest oder basierten auf kauf­männischer Tätigkeit, deren Richtung aus der alleinigen Berufsbezeichnung Kaufmann" nicht hervorgeht. Es verwundert nicht, daß diese Menschen zum überwiegenden Teil der älteren Generation angehörten: Sie waren über­wiegend zwischen 50 und 80 Jahre alt 12 , nur zwölf von ihnen waren jünger und gerade im besten Mannesalter. Die jüdischen Witwen, auch schon betagt, verwalteten das Erbe ihrer ehemals erfolgreichen Männer.

Angesichts einer fast lebenslang bewiesenen Tüchtigkeit ist es um so verständlicher, was es an Leid für diese Bremer bedeutete, nur noch eine Chance, wenn schon nicht für das Erarbeitete, so doch wenigstens für das reine überleben zu sehen: 30 von den 48 wählten die Auswanderung, konn­ten dank ihrer finanziellen Mittel auch noch recht spät, bis in den Herbst 1941 hinein, Deutschland den Rücken kehren. Die Ältesten, die auf eine beschwer­liche Reise in ungewisse Zukunft nicht mehr gehen mochten oder konnten, ereilte in Bremen ein natürlicher Tod oder die Gnadenlosigkeit einer Depor­tation nach Theresienstadt, in den schlimmsten Fällen noch im Alter von 83 und 84 Jahren 13 . Der Deportation nach Minsk ein Jahr zuvor fielen nur" drei von den 48 zum Opfer. So scheint sich eine Vermutung zu bestätigen, daß nämlich diese Juden zwar mit der Vermögensanmeldung gleichsam alle Verhältnisse offenlegten und der Staat bei ihnen auf ein lukratives Ergebnis für seine Methoden des Schröpfens hoffen konnte, daß

10 Dagegen schlägt das angemeldete ausländische Vermögen insgesamt kaum zu Buche: Bei 22 Anmeldungen waren die Ausnahmen zwei um RM 13 000,, zwei um RM 20 000, und eine mit der großen Summe von RM 247 000,, letztere auch im Besitz einer Jüdin.

11 Name, Adresse und Geburtsjahr der Besitzer der 48 großen Vermögen S. 247 f.

12 Aufschlüsselung: 30 bis 40 Jahre: 3; 41 bis 50 Jahre: 9; 51 bis 60 Jahre: 23; 61 bis 70 Jahre: 8; 71 bis 80 Jahre: 5.

13 Sechs starben eines natürlichen Todes, drei wurden nach Theresienstadt depor­tiert, andere verzogen.

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