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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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D. SYSTEMATISCHER TEIL: ERGEBNISSE

I. Zur Statistik der Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung

Zu Beginn einer Zusammenfassung, die Grundzüge und Tendenzen heraus­steilen, Querverbindungen offenlegen und Vergleiche erleichtern soll, mögen kurz noch einmal die methodischen Schwierigkeiten erwähnt werden, die die Auswertung der Einzelnachrichten über die Pest in Bremen von 1350 bis 1713 beeinträchtigen.

Die Quellenbasis ist oft schmal, besonders in der Zeit vor 1600. Mitunter gibt es Einzelnachrichten, die unmöglich zutreffen können, obwohl sie im amtli­chen Schriftgut auftreten. Die berühmteste ist die angeblich einzigartig ge­naue Zahl der Pesttoten in Bremen 1350. Sie ist aber nicht mehr als ein typi­sches Beispiel dafür, wie Unmögliches durch scheinbar sorgfältigste Ermitt­lungen schließlich doch glaubhaft gemacht werden sollte. Koppmann hat vor fast einem Jahrhundert schon in einer Untersuchung von Totenzahlen in Zei­ten der Pest darüber geurteilt: "Hier meine ich, gilt der Grundsatz, daß un­glaubliche Dinge dadurch, daß sie von den an und für sich glaubwürdigsten Zeugen berichtet werden, an Glaubwürdigkeit nichts gewinnen." 1

Bei amtlichen Erlassen über die Pestbekämpfung, deren Authentizität unan­gefochten ist, weiß man letztlich nicht, ob sie mehr als fromme Wünsche des Rats ausdrückten, die das beschriebene Papier nicht wert waren. Feuergefähr­liche Strohdächer und unhygienische Schweineställe waren aus der Altstadt eben auch durch häufig wiederholte Verbote nicht zu verbannen, weil die Be­troffenen die Kosten einer besseren Lösung gar nicht aufbringen konnten, ob­wohl sie ihnen selbst wahrscheinlich angenehm gewesen wäre. Es ist un­glaubhaft, daß unter solchen Verhältnissen alle nur kurzfristig gültigen An­weisungen in Pestsachen wirklich befolgt wurden, da sie doch auch finanziel­len Aufwand erforderten. Der Rat, fast 30 Männer, die in der Altstadt wohnten und so die Verhältnisse aus täglicher Anschauung kannten, hat das natürlich am besten gewußt, und es wäre ein Rätsel, warum er in Pestsachen Anwei­sungen hätte geben sollen, deren Befolgung kaum möglich war, wenn deren Erlaß gegenüber auswärtigen Mächten nicht als Beweis der eigenen Umsich­tigkeit dienen konnte.

Schließlich ist es Sinn dieser Zusammenfassung, die Nachrichten über die Pest in Bremen in den Kontext mit anderen zur Wirtschafts-, Sozial-, Bau- und Kriegsgeschichte zu stellen. Es ist unzulässig, Einzelmeldungen unterschiedli­cher Glaubwürdigkeit unverbunden aneinander zu reihen, nach denen eine Stadt angeblich im Abstand weniger Jahre oder Jahrzehnte immer wieder einen großen Teil ihrer Bewohner verlor, trotzdem aber unablässig ihre Mau­ern verstärkte, ihre öffentlichen Gebäude vermehrte, ihr Einflußgebiet erwei-

1 Pest, S. 48.

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