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Die Toten von Bremen : Phantasien im Bremer Bleikeller / von Hans Philipp Weitz
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Lon der See her stürmte es grimmig. Dabei war die Luft drückend schwül und bis zum Ersticken mit Staub vollgesogen. Durch die tiefen Schächte der Stra­ßen wehte er in breiten Wänden, als ob graue, vom Dach bis zum Keller herabhängende Tücher von unsicht­baren Händen dahergeschleift würden. In den breiten Lücken der Stadtplätze falteten sich die Tücher jäh zu­sammen, wurden turmhoch zum bleiernen Himmel ge­dreht und wirbelten als wahnwitzige Säulen einen tollen Tanz.

Mit grämlichem Gesicht stand Roland der Riese vor dem Bremer Rathaus und schaute mürrisch aus seinen großen Kugelaugen in das verrückte Gebaren des Wet­ters. Tagsüber mußte er sich den Unfug Wohl oder übel gefallen lassen. Die vielen Menschen, die an seinen brei­ten Füßen vorbelasteten, genierten ihn. Weil sie ihn seit länger denn ein halbes Jahrtausend für eine stei­nerne tote Masse hielten, war es sein Schicksal gewor­den, ihnen auch als solche zu erscheinen. Aber wütend glotzen durfte er. Es hob ja doch keine einzige dieser Gewohnheitsratten mehr den abgestumpften Blick zu ihm empor. Wenn die geahnt hätten . . . o je!

Endlich hielt die Nacht ihren Einzug. Aus allen Winkeln und Ecken der ehrwürdigen Patrizierstadt kroch sie hervor, riß hier und dort ein Stück uraltes Geheim­nis von fröhlichen Wänden ab und schleppte es mit sich

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