Jahrgang 
Band 85 (2006)
Seite
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»Wieder einmal habe ich vergessen, daß ich nur eine Frau bin« Frauenalltag zwischen Politik und Liebe - Helene Kaisen im Ersten Weltkrieg 1

Von Hartmut Müller

Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg begann, konnte und wird dies Helene Schweida nicht überrascht haben. 2

Seit dem Attentat von Sarajewo war auch in Bremen die Frage eines mög­lichen großen europäischen Krieges in allen Gesellschaftsschichten disku­tiert worden. 3 Über eine grundsätzliche Ablehnung des Krieges waren sich in

1 Der folgende Beitrag ist der um die Anmerkungen erweiterte Text einer Lesung vom 6. Juli 2005 in der Dokumentationsstätte Wilhelm Kaisen in Bremen-Borgfeld. Feldpostbriefe haben in den letzten Jahren Konjunktur; vgl. u. a. für den Zweiten Weltkrieg: Konrad Elmshäuser und Jan Lokers (Hrsg.), »Man muß hier nur hart sein«. Kriegsbriefe und Bilder einer Familie (1934-1945), Bremen 1999. Sie be­richten in unterschiedlichsten Formen vom Leben der Männer als Soldaten an der Front. Nur wenige veröffentlichte Zeugnisse gibt es dagegen vom Leben an der sogenannten »Heimatfront«, von den Sorgen und dem Kampf ums Überleben der Frauen in der Heimat, besonders aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Der erhalten gebliebene und im Staatsarchiv Bremen als Teil des Nachlasses Bürgermeister Wil­helm Kaisens verwahrte Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Helene Kaisen aus den Jahren 1914 -1918 ermöglicht einen eindringlichen Einblick in das Alltags­leben einer Bremerin aus dem Arbeitermilieu während des Ersten Weltkriegs.

2 Helene Schweida, seit 1916 Helene Kaisen: Geb. 11.5.1889 in Braunschweig. Toch­ter des sozialdemokratischen Tischlers Anton Schweida und der aus Polen gebür­tigen Marcianna Schweida. Übersiedlung der Eltern nach Bremen. Besuch der Volksschule am Geschwornenweg in der Neustadt, dann der Fortbildungsschule des Frauenerwerbs- und Ausbildungsvereins. Kaufmännische Lehre bei der Firma Gustav Lehmann, Modewaren und Passementerie-Haus. Kaufmännische Tätigkeit von 1906 bis 1914 bei den Firmen G. Lehmann und Julius Thorspecken, später von 1917 bis 1918 bei der Norddeutschen Hütte. Seit 1908 Mitglied der SPD, Beisitzerin, dann Schriftführerin im Vorstand. 1917 Übertritt zur USPD. 1916 Heirat mit dem Hamburger Stukkateur Wilhelm Kaisen. Mit diesem vier Kinder, wohnhaft in der Münchener, dann Tübinger Straße. 1933 nach Inhaftierung Wilhelm Kaisens durch die Nationalsozialisten Umzug auf eine landwirtschaftliche Siedlerstelle in Bremen- Borgfeld. Nach 1945 ehrenamtliche Tätigkeit in der Arbeiterwohlfahrt und beson­ders in dem von ihr 1951 mitbegründeten Nachbarschaftshaus in Gröpelingen. Ge­storben am 5.9.1973 in Borgfeld. Vgl. auch Renate Meyer-Braun, Kaisen, Helene, in Hannelore Cyrus (Hg.), Bremer Frauen von A-Z, Bremen 1991, S. 312 ff.

3 Zur Geschichte Bremens bei Kriegsausbruch und während des 1. Weltkriegs vgl. Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 2, S. 602- 659, Bremen 1995.

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