»Die Veredlung des Seelenlebens auch der unteren Stände«: Die Bremer Schillerstiftung für Schülervorstellungen
Von Sylvelin Wissmann
In den Jahren 1898 bis 1945 verfügte Bremen über eine Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, jedem Schulkind der Volksschulen im letzten Schuljahr das Erlebnis einer oder mehrerer Theateraufführungen zu ermöglichen. Diese Absicht konnte über lange Jahre verwirklicht werden, nur in einigen Krisenjahren nicht und ab 1942 gar nicht mehr. Nicht nur wegen sichtbarer Einflüsse des Zeitgeschehens lohnt es sich, im »Schillerjahr 2005« an die heute praktisch vergessene Schiller-Stiftung für Schülervorstellungen zu erinnern und die Intentionen, Initiatoren und Institutionen vorzustellen, die in ihr zusammenwirkten. Wesentliche Quellen für diese Untersuchung sind aus dem Nachlass der Stiftung das Protokollbuch mit Sitzungs- und Jahresberichten und das »Cassabuch« 1 ; weitere Informationen entstammen unterschiedlichen Hinterlassenschaften: aus dem Dom-Archiv und dem Archiv des Domchors, von Schulen und Schulbehörde, vom Bremischen Lehrerverein und Theater sowie aus den üblichen Hilfsmitteln wie der zeitgenössischen Presse, Chroniken, Biographien, genealogische Unterlagen der MAUS. 2 Versuche, bei Privatpersonen in etwaigen Nachlässen damals Beteiligter Unterlagen zu finden, schlugen fehl.
Das 19. Jahrhundert wird in erster Linie betrachtet als Jahrhundert der Entdeckungen und bedeutenden wissenschaftlichen Errungenschaften. Es ist aber auch die große Zeit gelebter Bürgertugenden, die sich in zahllosen Privatinitiativen manifestierten. Diese bewegten sich auf zwei Hauptlinien, einer sozialen und einer kulturellen: Wohltätigkeit im Bereich Armut, Alter, Krankheit, und Mäzenatentum im Bereich Kunst und Kultur. Gemeinsinn war beider Ursprung und Motivation, und beide hatten auf ihre Weise das gleiche Ziel: die Hebung des Gemeinwohls, vorzugsweise in der jeweils nächsten Umgebung, dem Gemeinwesen. Am Ende des Jahrhunderts trafen die nebeneinander laufenden Linien in einer sehr weiten Auffassung von wohltätiger Vorsorge gewissermaßen zusammen und zwar über die Erkenntnis, dass nicht nur Ausbildung eine wirkungsvolle Armutsprophylaxe sein kann, sondern auch Bildung: Bildung als sinnstiftende Begegnung mit dem Wahren,
1 Im Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen (im Folgenden StAB), Signatur 7,5229.
2 DIE MAUS. Gesellschaft für Familienforschung e.V., Bremen.
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