»Das Andenken an meine Vaterstadt« - Anklänge an die Heimat im Reisetagebuch des Bremer Pastorensohnes Arnold Hermann Ludwig Heeren 1
Von Helga Schmidt
»Wie konnte es aber anders seyn, als daß das Leben in einer freyen Handelsstadt, die eben damals in vollem Aufblühen war, auf meinen Geist und meine ganze Denkungsart einwirkte. Es war die Zeit des Amerikanischen Krieges, während dessen der bisher nur beschränkte Handel meiner Vaterstadt anfing, sich zum Welthandel zu erheben. Ich sah das Alles nicht blos aus der Ferne, sondern in der Nähe; in dem Kreise meiner nächsten Umgebung, meiner eignen Verwandten außer dem väterlichen Hause. Die Unternehmungen nach Amerika, nach Westindien, bald auch nach Ostindien, wurden die täglichen Gespräche. Ohne es mir einfallen zu lassen, daß ich je über den Handel schreiben würde, faßte ich doch einen hohen Begriff davon; und erhielt manche anschauliche Kenntnisse. Dazu kamen die bürgerlichen Verhältnisse. Sprach man auch noch nicht von Freyheit und Gleichheit, so hatte man sie doch, so weit man sie haben wollte. Man bekommt von einem freyen Gemeinwesen keinen anschaulichen Begriff, wenn man nicht darin gelebt hat; und wie hätten jene Jugendeindrücke wieder verschwinden, jene Bilder wieder verlöschen können? Brauche ich es Ihnen zu sagen, wie unschätzbar mir dieses für meine spätem historischen Studien geworden ist? Habe ich in meinen Darstellungen den Geist der verschiedenen Verfassungen einigermaßen getroffen, so ist dies nicht blos aus den Büchern, sondern großentheils aus dem Leben hervorgegangen.« 2
Arnold Hermann Ludwig Heeren schrieb dies im Alter von 61 Jahren im Rahmen seiner Biographischen Nachrichten 3 , die er seiner fünfzehnbändigen
1 Eine ausführlichere Fassung dieser Arbeit über Arnold Heeren wurde von der Witt- heit zu Bremen mit dem Bremer Preis für Heimatforschung 2005 ausgezeichnet. Ihr sei hierfür herzlich gedankt. Dem Leiter der Handschriften-Abteilung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Dr. Helmut Rohlfing, danke ich für die Erteilung der Druckgenehmigung der Texte aus dem Reisetagebuch Heerens. Den Mitarbeitern des Handschriftenlesesaales bin ich für ihre freundliche Hilfe dankbar. Insbesondere Herrn Dieter Müller verdanke ich wertvolle Literaturhinweise. Paul Gerhard Schmidt danke ich für Rat und Hilfe.
2 Arnold Hermann Ludwig Heeren, Schreiben an einen Freund, biographische Nachrichten enthaltend, in: Heeren, Historische Werke, Band 1, Göttingen 1821, S. XIX.
3 Heeren (wie Anm. 2), S. VI-LXXVIII.
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