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Band 82 (2003)
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Säuglingssterblichkeit in Bremen im 19. Jahrhundert

Von W. Robert Lee und Peter Marschalck

1. Einführung

Die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit 1 in Deutschland während des 19. Jahrhunderts ist bekannt: Die Ausweitung der industriellen Produktion und die beschleunigte Verstädterung mit der Veränderung von Arbeits- und Lebensbe­dingungen trugen nicht nur zum Ansteigen der Sterblichkeit überhaupt, sondern insbesondere der Säuglingssterblichkeit bei. In vielen städtischen Zentren und Verwaltungsdistrikten erreichte die Säuglingssterblichkeit in den 1860er und 1870er Jahren mit Werten bis zu 400 auf 1.000 Lebendgeburten ihren Höhe­punkt. Allerdings müssen die Sterblichkeitsprofile einzelner deutscher Städte im Zusammenhang mit den demographischen Bedingungen der sie umgebenden ländlichen Gebiete interpretiert werden. 2 Tatsächlich registrierten die größten Städte Deutschlands, die fast alle während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine extensive Industrialisierung erfuhren, weiterhin durchaus unterschiedliche Raten der Säuglingssterblichkeit.

Die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in Bremen im 19. Jahrhundert 3 kann im Rahmen einer spezifischen Typologie von Hafenstädten analysiert werden. 4 Die Hafenstädte des 19. Jahrhunderts zeichneten sich im Allgemeinen durch hohe

1 Der Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung von W Robert Lee/Peter Mar­schalck, Infant mortality in Bremen in the 19 ,h Century, in: The History of the Family, 7.2002, S. 557-583. Vgl. dort auch ausführliches statistisches Material und Tabellen. Die Autoren sind dem Wellcome Trust, London, für die finanzielle Unterstützung dankbar, die die Forschungen zu diesem Projekt ermöglichte.

2 Hans Dieter Laux, The components of population growth in Prussian cities, 1875-1905 and their influence on urban population structure, in: Richard Lawton/W Robert Lee (Hg.), Urban population development in western Europe from the late eighteenth to the early-twentieth Century, Liverpool 1989, S. 120-148.

3 Die bremischen Zivilstandsregister existieren seit der französischen Besetzung 1811. Für diese Analyse wurden die Sterberegister derJahre 1861-63, 1870-72, 1884-86, 1894-96 und 1904-06 ausgewählt. Jede Periode hat in ihrem Zentrum eine Volkszählung, und die Einträge stellen detaillierte Informationen über das Sterbealter, die Todesursache, den Wohnort, die regionale Herkunft und den Beruf des Vaters zur Verfügung. Mehr als 10.000 Säuglingssterbefälle wurden in eine Datenbank eingegeben. Die Säuglingssterblichkeit wurde auf disaggregierter Basis analysiert, und das Schwergewicht wurde gelegt auf die Unterscheidung von Zuwanderern und Einheimischen, das Sterbealter (insbesondere für die neonatale und die postneonatale Sterblichkeit), die Todesursachen sowie das saisonale Muster der Säuglingssterblichkeit. Zur Untersuchung der schichtenspezifischen Struktur der Säuglingssterblichkeit wurde zusätzlich die Geburtenregister für das Jahr 1862 mit Informationen über Beruf des Vaters, Wohnort und Geburtsort benutzt.

4 W Robert Lee, The socio-economic and demographic characteristics of port cities; a typology for comparative analysis?, in: Urban History, 25, 1998, S. 147-172.

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