Die Herkunft Bernhards von Seehausen und die Kolonisation im Niedervieland
Von Adolf E. Hofmeister
Die Geschichte des ehemaligen Bremer Landgebietes, das heute vollständig in die Stadt Bremen eingemeindet ist, kann besonderes Interesse beanspruchen. Die Entstehung der Holländeransiedlungen um Bremen, insbesondere die Urkunde von »1106« (besser 1113), und die Stedingerkriege nehmen in der mittelalterlichen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einen wichtigen Platz ein 1 . Dem Priester Heinrich, der die Holländer 1113 anführte, wurde 1993 in Steinkirchen im Alten Land ein Denkmal gesetzt; eine Kopie wurde 2001 in Rijn- saterwoude bei Leiden, dem wahrscheinlichen Herkunftsgebiet der ersten Kolonisten des Hollerlandes aufgestellt 2 . In Bremen hat vor allem die Beziehung der Siedlungen zur Deichgeschichte Beachtung gefunden 3 . Die historische Bedeutung der Hollerkolomsation bei Bremen geht aber weit darüber hinaus. Sie steht am Beginn einer Kolonisationsbewegung, die sich im Mittelalter weit in das östliche Mitteleuropa ausdehnte 4 , und sie begründete freiheitliche kommunale Strukturen in den Wesermarschen, die die Niederlage der Stedinger von 1234 überdauerten 5 .
Auch das Landgebiet links der Weser, das Bremer Vieland, das 1598, 25 Jahre vor Gründung der Neustadt, vom Bremer Rat in das Nieder- und das
1 Vgl. z.B. Werner Rösener, Bauern im Mittelalter, 1985, S. 46 f., 231 f., 249ff. - Zur Urkunde von »1106« (BUB I Nr. 27), die in zahlreichen Quellensammlungen abgedruckt ist, vgl. Karl Reinecke, Die Holländerurkunde Erzbischof Friedrichs I. von Hamburg-Bremen und die Kolonisation des Kirchspiels Horn, Brem. Jb. 52, 1972, S. 5-20.
2 Neuere Untersuchungen zum Herkunftsgebiet bietet Henrik van der Linden, Esselickerwoude anders genaemt Heeren Jacobswoude, in: Festbundel D. P. Blok, Hilversum 1990, S. 225-247; ders., Het ontstaan van de dorpen in de Rijnstreek, in: Rijn-Vaart der Volkeren, Alphen aan den Rijn 1998, S. 21-53.
3 Bremen im Schutz seiner Deiche, bearb. von Jürgen Wittstock, 1980 (Hefte des Focke-Museums Nr. 56); 900 Jahre nasse Füße. Landschaft aus Deichen und Gräben, hrsg. von Gabriele Hoffmann, 1990. - Einzelfragen unter rechtsgeschichtlichem Aspekt behandelte besonders Martin Specht, in: Jahrbuch der Wittheit zu Bremen 21 (1977) - 24 (1980); z.T. nachgedruckt in: Eine Auslegung der Urkunden von Erzbischof Friedrich I. von 1106 (1113) und Erzbischof Siegfried von 1181, bearb. v. Kurt Entholt, Bremen-Oberneuland [1981]; vgl. auch meinen Beitrag: Die Zehrungen der Geschworenen. Quellen zum bremischen Deichwesen im 15. und 16. Jahrhundert, in: Brem. Jb. 66, 1988, S. 79-114.
4 Charles Higounet, Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, 1986; Taschenbuchausgabe 1990, hier S. 94 f.
5 Vgl. Adolf E. Hofmeister, Bremen und seine »Länder«, in: Beiträge zur bremischen Geschichte. Festschrift für Hartmut Müller, 1998 (VStAB 62), S. 51-79.
156