Bremens Wirtschaft im Wandel (1850 bis 2000)
oder: Bremen - ein notorischer Spätzünder? '
Von Hartmut Roder
1. Einleitung
Dass Bremen ein besonderer Wirtschaftsstandort ist, ist nicht erst seit den vergangenen krisenhaften 25 Jahren in Deutschlands kleinstem Bundesland bekannt. Schon in der Hanse galten die Bremer Kaufleute als eigensinnige und teilweise wenig verlässliche Partner, denn ihre Handelsdomänen lagen weniger im Ost-West-Handel denn in speziellen Nord-West-Verbindungen. Dass die Bremer damit nicht ganz falsch lagen, machen nicht nur die erfolgreichen Jahrzehnte im 14. und 15. Jahrhundert deutlich, sondern dieses wird auch durch ihre respektable Stellung unterstrichen, die sie nach dem schadlos überstandenen 30jährigen Krieg im Bündnis mit den verbliebenen Hansestädten einnahmen. Den Beginn der Neuzeit erlebte die bremische Wirtschaft in übersichtlichen und klar abgegrenzten traditionellen Bahnen: der Handelsverkehr bewegte sich in den europäischen Gewässern, der Handel mit Agrar- produkten, die Ausfuhr von Leinwand und der Import von Kolonialwaren aus zweiter Hand führte zu einem gesättigten Wohlstand der Stadt. Aufgrund des bevölkerungsarmen und in Bezug auf Rohstoffe unergiebigen Hinterlandes war Bremen für den binnenländischen Handel ungeeignet. Seine Wirtschaft war vor allem auf die See angewiesen. Die führenden Familien jedoch lebten nicht so sehr vom Handel als von der Bodenrente ihres in die Landwirtschaft gesteckten Kapitals. Erst infolge der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dem sich daran anschließenden Seekrieg der europäischen Kolonialmächte begann die Hansestadt an der Weser, die vor allem vom Zwischenhandel lebte, sich auf ein ins Unermessliche ausweitendes Wirtschaftsterrain, auf eine welthändlerische Dimension, zu orientieren und damit ihre ökonomischen Aktivitäten neu auszurichten.
Damit soll bereits eine Anfangsthese den weiteren Ausführungen vorangestellt werden, nämlich dass der Wandel der bremischen Wirtschaft nicht selten von außen induziert, vorangebracht, herangetragen oder auch erzwungen werden musste, dass - wie in der vornapoleonischen Zeit - die Hansestadt an der Weser gezielter, z.T. auch langwieriger Anstöße bedurfte, um ihre Möglichkeiten wahrzunehmen, ihre Strukturen anzupassen und das Wagen und Winnen in die Wirklichkeit umzusetzen. Traditionell wies Bremen durchaus
* Für die Druckfassung überarbeiteter Text aus der Vortragsreihe der Historischen Gesellschaft Bremen und der Handelskammer Bremen »550 Jahre verfasste Kaufmannschaft in Bremen«, Vortrag vom 16. Oktober 2001 im Schütting.
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