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Band 78 (1999)
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Von der Zunftzugehörigkeit bis zur Deregulierung: Die bremischen Hafenarbeiter zwischen 1860 und 1939 1

Von W. Robert Lee

1. Die Entwicklung des bremischen Seearbeitsmarkts

Im Zuge wachsender funktioneller Spezialisierung innerhalb des Städtewesens einzelner europäischer Staaten im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden viele Hafenstädte überproportional von der Schiffahrt, vom Handelsverkehr und von damit zusammenhängenden Aktivitäten bestimmt. Während einzelne Hafenstädte wie Genua und Glasgow eine bedeutende sektorale Anpassung zusammen mit einer spürbaren Diversifizierung ihrer Beschäftigungsstruktur erfuhren, blieb bei anderen Häfen die Entwicklung einer soliden, breitgefächerten Basis für die In­dustrieproduktion häufig aus; sie konzentrierten sich häufig auf die Weiterverar­beitung von Rohimporten oder entwickelten sich zu Zentren verschiedener Han­delssparten wie Großhandel, Bankgeschäfte und Versicherungswesen. 2

Die neuzeitliche Entwicklung auf dem bremischen Arbeitsmarkt läßt sich nur vor diesem Hintergrund erklären. Zwischen 1862 und 1905 weist die Berufsstruk­tur in Bremen ein deutliches Maß an Beständigkeit auf (s. Tabelle 1). Zwar ist die damalige Nebenrolle der Landwirtschaft nicht verwunderlich, allerdings hatte auch die Beschäftigung im öffentlichen Sektor kaum zugenommen. Handel und Verkehr sorgten für ein Drittel aller Arbeitsplätze, und gegenüber anderen Städ­ten belegen die hohen Beschäftigtenzahlen in diesen Bereichen die Bedeutung Bremens als eines der führenden Häfen Deutschlands. Bremen hatte bereits in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts seine Stellung als wichtiger Auswanderungshafen mit weitreichenden Handelsbeziehungen zu Nordameri­ka befestigt. 3 Der Hafen jedoch war vor allem auf die Einfuhr von Rohprodukten, insbesondere Tabak, Zucker, Pelze und französische Weine, konzentriert; erst seit der Jahrhundertmitte entwickelte sich der Baumwollimport zu einem Hauptbe­standteil des Handels- und Schiffsverkehrs, der dann 1872 auch zur Schaffung

1 Die Forschungen zu diesem Beitrag wurden z.T. vom Welcome Trust, London, dem für die Unterstützung Dank gebührt, finanziert und mit der Hilfe von Peter Marschalck und Barbara Leidinger ausgeführt. Barbara Schwarz danke ich für ihre Hilfe bei der Überset­zung dieses Aufsatzes.

2 Guiseppe Felloni, Popolazione e Sviluppo Economica della Liguria nel secolo XIX, Turin 1961; Andrew Gibb, Glasgow: The Making of a City, Beckenham 1983; R. A. Cage, Popu­lation and Employment Characteristics, in: Ders. (Hg.), The Working Class in Glasgow, 1750- 1914, London 1987, S. 1-28.

3 Franz Josef Pitsch, Die wirtschaftlichen Beziehungen Bremens zu den Vereinigten Staa­ten von Amerika bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (Veröffentlichungen aus dem Staats­archiv der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 42), Bremen 1974.

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