Daniel Braubachs »Der gelehrte Handwerker«: Ein Bremer Bildungsroman und sein Autor
Von Michael Nagel
Vorbemerkung
Vor zweihundert Jahren wurde die Bremer Seefahrtsschule (heute: Hochschule für Nautik) gegründet. Daniel Braubach, der erste Leiter dieser wichtigen Anstalt, ist der Nachwelt als tüchtiger Navigationslehrer bekannt. Der vorliegende Beitrag möchte auf eine andere, vielleicht weniger bekannte Seite dieses Nautikers hinweisen: Ähnlich vielen Gebildeten seiner Zeit beschränkte Daniel Braubach sich nicht auf die Grenzen seines Faches. Als Romancier, zeitkritischer Essayist und satirischer Dichter hat er sich außerdem mit Fragen der Bildung, des bürgerlichen Selbstverständnisses und mit seiner Vaterstadt Bremen auseinandergesetzt.
Bildung als literarisches Thema am Ausgang des 18. Jahrhunderts
Was nützt uns Bildung, welchen Gewinn beschert uns Gelehrsamkeit? Stellt vor allem die Universität nicht eine unwirkliche Insel im Meer des handfesten Erwerbslebens dar? Eine Insel, auf der nur wenige sich niederlassen und fruchtbar anbauen können, auf der die vielen zeitweiligen Besucher aber kaum erfahren, wie sie ihr Schifflein steuern sollen? Derlei Fragen klingen gegenwärtig bei jeder Sparrunde an. Sie sind nicht neu. Der Nutzen und Inhalt, die Methode von Bildungseinrichtungen, darüber hinaus die unterschiedlichen Gedanken zur individuellen Bildung bewegten auch zu anderen Zeiten die Öffentlichkeit. Ihr Niederschlag in der jeweils zeitgenössischen Erzählliteratur ließe sich für verschiedene geschichtliche Abschnitte ins Auge fassen; besonders auffällig erscheint er für das ausgehende 18. Jahrhundert: Die Anzahl und inhaltliche Vielfalt derjenigen Werke, die sich zu dieser Zeit auf Aspekte des Erziehungsprozesses und der Persönlichkeitsentwicklung beziehen, erscheint beeindruckend 1 ; hierbleibt noch manches zu untersuchen. 2
1 Vgl. etwa das kommentierte und indizierte bibliographische Verzeichnis von Helmut Germer, The German Novel of Education 1792 - 1805. A Complete Bibliography and Analysis, Bern 1982. Die von Germer größtenteils aufgrund von Recherchen in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek erstellte Liste von 390 Titeln enthält allerdings einen gewichtigen Anteil von pädagogischen Schriften (Ratgeber, Sittenlehren etc.), die nicht als Romane angesehen werden können.
2 Georg Stanitzek, Bildung und Roman als Momente bürgerlicher Kultur. Zur Frühgeschichte des deutschen »Bildungsromans«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 62, 1988, S. 416 ff. Zur Gelehrtenkritik im 18. Jahr-
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