Das Linzer Diplom
Von Hartmut Müller
»Man wird, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, behaupten dürfen, daß in unserm Archive keine ältere und keine jüngere Urkunde ruhe, die dieser an Bedeutung für unsere Stadt gleichkäme«, heißt es 1898 in Wilhelm von Bippens Geschichte der Stadt Bremen 1 . Als Friedrich Prüser Ende der dreißiger Jahre ein farbiges Faksimile des Linzer Diploms veröffentlichte, schrieb er in seinem historischen Abriß: »Die hier in getreuer Abbildung dargestellte Urkunde gehört zu den wichtigsten des bremischen Archivs. Denn auf ihr beruhte für mehr als zwei Jahrhunderte Bremens staatsrechtliche Stellung als selbständiges Staatswesen« 2 . Für Herbert Schwarzwälder ist das Linzer Diplom 1975 in seiner Bremischen Geschichte »zumindest verfassungsgeschichtlich ein Markstein in der Entwicklung der Stadt« 3 . Als Grundstein der staatlichen Selbständigkeit des heutigen Bundeslandes Bremen besitzt sie auch weiterhin ihren ungebrochenen historischen Stellenwert in der politischen Auseinandersetzung um die Zukunft dieses ältesten Zweistädtestaates auf deutschem Boden 4 .
Um die Beurkundung seiner seit dem 15. Jahrhundert faktisch vorhandenen Selbständigkeit hatte sich Bremen lange Zeit keine besonderen Gedanken gemacht. Mehrmals war die Stadt vom Kaiser zu Reichstagen geladen worden 5 , stolz hatte der Rat gegenüber seinen Nachbarn verkündet »Wy hebben ene frye Stadt«. 1541 hatte Karl V. in sieben feierlichen Urkunden die Privilegien der Stadt bestätigt. Der bischöfliche Landesherr im kleinen Bremervörde war schwach, Bremen im Verbund mit der starken Hanse brauchte sich keine Sorgen zu machen.
Dies änderte sich jedoch radikal, als zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Macht der Hanse immer mehr zerfiel und mit Schweden die damals stärkste
1 Wilhelm von Bippen, Geschichte der Stadt Bremen, Bd. 2, Bremen 1898, S. 397.
2 Friedrich Prüser, Die Urkunde der bremischen Reichsfreiheit. Das Linzer Diplom vom 1. Juni 1646, Bremen o. J. - Vgl. auch Faksimile der Urkunde bei Hans Jürgen Kahrs / Hartmut Müller, Freie Hansestadt Bremen. Urkunden und Dokumente, Bremen 1968 (1969 2 ) und Vollabdruck bei v. Bippen (wie Anm. 1), S. 404 ff.
3 Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 1, Bremen 1975, S. 345 f.
4 Wir bleiben frei. Bremen und Bremerhaven - Zwei Städte ein Land, hrsg. v. Senat der Freien Hansestadt Bremen, 1990, S. 16 ff.; »Ein Bremen, das leben will, wird leben«. Über die Nachteile eines Verlustes der bremischen Selbständigkeit, Vortrag des Präsidenten des Senats Klaus Wedemeier, hrsg. v. Ostasiatischen Verein Bremen e.V., 1993, S. 7.
5 Vgl. hierzu: Hartmut Müller, »Wy hebben ene frye Stadt«. Historischer Abriß zur Selbständigkeit, in: Kröning, Müller, Euler, Hickel, Fuchs, Das Land Bremen in Deutschland und Europa. Bremen 1991.
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