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Band 73 (1994)
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Sex-and-crime-Journalismus in der Weimarer Republik

Ergebnisse einer Spurensuche (nicht nur in Bremen) Von Hartwig Gebhardt

Den Anstoß für den folgenden Beitrag gab das Auffinden von zwei Jahrgängen einer Bremer Wochenzeitung namens Revue, von der der Verfasser, obwohl mit der Bremer Pressegeschichte nicht unvertraut, noch nie etwas gehört oder gelesen hat­te. Das Blatt entpuppte sich bei näherem Hinsehen als einer Spezies Presse zugehörig, die - soweit der Verfasser die Literatur übersieht - bislang kaum beach­tet worden ist, sei es wegen der nur rudimentären Überlieferung, sei es wegen der auf sogenannte Seriosität keinen Anspruch erhebenden inhaltlichen Eigenschaften derartiger Periodika, sei es wegen beidem. Der vor einigen Jahren in der Literatur- und Medienwissenschaft in Gang gekommene Prozeß der Aufhebung sogenannter Geschmacksgrenzen hat den Blick auf alle literarischen Überlieferungen frei­gemacht. Nach dem Forschungsboom im Bereich der Trivialliteratur ist es für eine Fragestellung, die sich nicht an der literarischen Qualität ihrer Quellen, sondern an deren zeitgenössischer Verbreitung orientiert, nichts weiter als folgerichtig, sich auch den sogenannten anstößigen oder skandalösen Produkten journalistischer Provenienz zuzuwenden. Die spezifischen Materialschwierigkeiten sollten Heraus­forderung, nicht Ausrede sein. Die folgende Darstellung versteht sich als ein Ver­such in dieser Richtung. Überschrieben ist sie mit »Sex-and-crime-Journalismus«, weil diese Bezeichnung, obwohl sprachlich wenig befriedigend, den Inhalt der hier behandelten Blätter am besten wiedergibt. Die schon damals von ihren Gegnern bevorzugt verwendeten Ausdrücke »Skandal-« und »Revolverpresse« hat der Verfasser wegen ihres pejorativen Gehalts bewußt vermieden.

Die komplizierte Geschichte einer Zeitschriftengründung: die »Revue« in Bremen, Magdeburg und Hamburg

Vom Oktober 1927 an erschien in Bremen eine Wochenzeitung, die, obwohl sie es in den folgenden Jahren zu beträchtlicher Auflagenhöhe und Ver­breitung brachte, in den einschlägigen bremischen Bibliographien nicht verzeichnet ist und von der sich in Bremer Bibliotheken und Archiven bis vor kurzem nur zwei Einzelnummern erhalten haben. Das Blatt hieß Revue mit dem (anfänglichen) Untertitel Bremer Gerichtszeitung und wurde - damit beginnen Irritationen, von denen es im Verlauf der folgenden Darstellung noch einige geben wird - zunächst vom »Revue-Verlag, Magdeburg, Prä- latenstr. 18« herausgegeben. Der für den Inhalt Verantwortliche hieß Paul Schumann und wohnte in Dresden. Nur der Druck erfolgte in Bremen bei der »Peuvag«. 1 Das war die Abkürzung für die Papier-Erzeugungs- und

1 Angaben lt. Impressum Revue 3, 1927 (Staatsarchiv Bremen [im folgenden StAB] 9,F - 1927-102). Die Originalschreibweise im Impressum »Prälatonstr.« beruht auf einem Druckfehler.

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