Bremer Kaufleute in Bordeaux
Von Hartmut Müller
Am 4. Februar des Jahres 1757 notierte der Bremer Kaufmann Daniel Mei- nertzhagen in sein Reisetagebuch:
»Bordeaux ist eine der größten, reichsten und schönsten Städte in Frankreich. Die Altstadt ist unansehnlich und hat enge und dunkle Straßen, aber die Vorstädte sind herrlich. Die Straße der Chartrons an der Garonne entlang, auf der manchmal Hunderte von Schiffen zu sehen sind, ist eine der großartigsten Straßen, die ich jemals gesehen habe. Hier haben die Kaufleute ihre Kontore und ihre schönen Wohnhäuser, während auf der anderen Seite des Flusses schöne Landhäuser und Weinberge zu sehen sind«. 1
Wer sich heute Bordeaux von Norden her nähert und die Stadt nicht über die moderne Pont dAguitaine, sondern über die ältere Pont de Pierre erreicht, wird zwar noch die gleiche Silhouette wie vor 250 Jahren vorfinden, mit der Porte Cailhau, der Place de la Bourse, der Esplanade des Quinconces und dem Quai des Chartrons, doch der Fluß, auf dem sich noch im 19. Jahrhundert die Segler stauten, ist leer und an die Quais verirrt sich höchstens einmal ein Binnenschiff oder ein moderner Kreuzfahrer.
Das Hafenleben Bordeaux' ist flußabwärts gewandert. Und auch von dem Weinhandel, der einst die Stadt so entscheidend bestimmt hatte, ist auf den ersten Blick nicht mehr viel zu finden. An den Chartrons, wo früher die Oxhoftfässer vor den Kaufmannskontoren lagerten und ein reger Umschlagsbetrieb herrschte, brandet heute der übliche großstädtische Autoverkehr.
Das Viertel der Chartrons war im 15. Jahrhundert entstanden und lange Zeit durch die Festung des Chäteau Trompette von der Altstadt isoliert geblieben. Erst als am Vorabend der französischen Revolution die Festung, die den Zugang zur Stadt auf dem Wasser gesichert hatte, geschleift wurde, begannen Altstadt und Vorstadt zusammenzuwachsen.
Im Viertel der Chartrons lebten die ausländischen Kaufleute, die seit dem 16. Jahrhundert den Bordelaiser Weinhandel beherrschten. Hier, am Ufer des Flusses oder in den Nebenstraßen wohnten seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts auch die Bremer Kaufleute wie die Curtius, die Wilhelmi, Lameyer, Bley, Schütte oder Barkey. Ihre Beziehungen zu Bordeaux gehen auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. 2 Noch war es nicht der Wein oder zumindest nicht der Wein allein, der damals in Bremen das Interesse der Kaufleute an Westfrankreich geweckt hatte. Zunächst waren bremische Segler im
1 Georgina Meinertzhagen, A Bremen Family, London 1912, S. 91 f.
2 Vgl. im folgenden Hartmut Müller, »On y boit des vins du Rhin, le commun peuple boit du vin de Bordeaux«, Bremen und Bordeaux im Zeitalter des Ancien Regime, in: Bremisches Jahrbuch Bd. 69, 1990, S. 45 - 73.
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