Jahrgang 
Band 72 (1993)
Seite
161
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Ricarda Huch in Bremen

Von Bettina Kaemena

1. Ricarda Huch, Kindheit und Jugend, Studium in der Schweiz

Octavia Ricarda Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren und am 25. September 1864 dort in der evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Andreas getauft.

Der Vater, Georg Heinrich Richard Octavio Huch, war viele Jahre als Leiter eines Handelsgeschäftes in Porto Alegre in Brasilien tätig gewesen, das sein älterer Bruder Eduard begründet hatte. Er war mit seiner Familie 1864, als die Mutter der Geburt ihres dritten Kindes entgegensah, in die Heimatstadt Braunschweig zurückgekehrt, von wo aus er sowohl das brasilianische Geschäft als auch ein Handelskontor in Hamburg leitete. Die beiden älteren Kinder, Lilly und Rudolf, waren noch in Brasilien in Porto Alegre zur Welt gekommen. In Braunschweig konnte Richard Huch keine größeren kaufmän­nischen Erfolge mehr verzeichnen, denn der Zwiespalt zwischen seinen geschäftlichen Interessen und den eigenen geistigen Neigungen ließ sich immer weniger überbrücken. Der geistvolle Mann litt körperlich und seelisch unter dem Niedergang seines Geschäftes, er starb 1887 im Alter von nur 57 Jahren in Hamburg 1 . Die Geschichte dieses wirtschaftlichen Zusammen­bruchs wurde, ebenso wie die eigene Jugend, von Ricarda Huch im Roman »Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren« (1893) verarbeitet.

Die Mutter der drei Kinder Lilly, Rudolf und Ricarda starb bereits 1883 im Alter von 41 Jahren, kurz vor der Silberhochzeit.

1879, Ricarda war 15 Jahre alt, heiratete ihre 20-jährige Schwester Lilly (1859 - 1947) den gemeinsamen Vetter Dr. jur. Richard Huch (1850 - 1912, Sohn aus erster Ehe ihres Onkels William Huch). Ricarda wurde im Alter von 19 Jahren sich ihrer Liebe zu Richard bewußt, auch Richard liebte seine Cousine. Eine Reflexion dieses Ereignisses findet sich in dem genannten Roman »Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren«. Aus dieser für die gesamte Familie unhaltbaren Situation ergaben sich heftige Verwirrungen, zumal Lilly einer Ehescheidung über Jahre hinaus nicht zustimmte. Diese jahrzehntelang Ricardas Leben bestimmende Liebe zu Richard und die damit entstandene Schuld gegenüber ihrer, trotz später wieder aufgenommenen Kontaktes, unversöhnten Schwester spielte im Leben aller beteiligten Per­sonen, vor allem aber für Ricarda selbst, die Hauptrolle in den folgenden Jahren.

Die schwierige Liebesbeziehung zu ihrem Vetter und Schwager Richard

1 Marie Baum, Leuchtende Spur. Das Leben Ricarda Huchs. Tübingen/Stuttgart 1950, S. 17.

Auch: Wilhelm Emrich, Vorwort zum Gesamtwerk, in: Ricarda Huch, Gesammelte Werke, Bd. 1, Köln 1966, S. 98 ff.

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