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Band 72 (1993)
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Seelenheil und Armensorge

Stiftungen Bremer Familien im 14. Jahrhundert Von Sabine Presuhn

Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben (Mt. 25, 46) - so lautet nach dem Matthäus-Evangelium die Alternati­ve für die Seelen beim Jüngsten Gericht. Wer jedoch wird zu den Gerechten gehören, durch welche Verdienste kann man Aussicht auf ein ewiges Leben erlangen? Auf diese Frage gibt das Matthäus-Evangelium im selben Kapitel Antwort: Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt... Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das hab ihr mir getan (Mt. 25, 35 und 40). Mit diesen Worten wurde eine Begegnung mit den Armen (den geringsten Brüdern) gleich einer Begegnung mit Christus selbst, eine Anschauung, die vom Früh- und Hochmittelalter ins Spätmittelalter die Toten- und Armensorge mitein­ander verband und bestimmte. 1

In diesem Beitag soll nun betrachtet werden, wie sich in bürgerlichen Familien des 14. Jahrhunderts die Sorge um das Seelenheil ausgestaltete. Beispielhaft sind zwei Bremer Familien ausgewählt, an denen verschiedene Überlieferungsstränge des Totengedenkens gezeigt werden können; zwei Familien, die im 14. Jahrhundert zur politisch führenden Schicht der Stadt Bremen gehörten und letztendlich auch verschwägert waren, die von Ruthen und die Groninghs.

... Honestus et discretus vir Hermannus de Ruthen, guondam civitatis nostre proconsul, volens anime sue procurare salutem, de consensu omnium here- dum suorum et consulatus beneplacito instauravit in civitate nostra quod- dam novum hospitale pro pauperibus peregrinis ... 2

Hermann von Ruthen stammte aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, die vor ihm schon ein Jahrhundert lang mit sechs Ratsherren im Rat der Stadt prä­sent war 3 . Hermann erlangte sogar die Bürgermeisterwürde, in politischer Hinsicht der Höhepunkt dieser Familie. Er ist im Rat nachweisbar von 1327

1 Vgl. Joachim Wollasch, Toten- und Armensorge, in: Gedächtnis, das Gemein­schaft stiftet, hrsg. von Karl Schmid, Freiburg/München 1985, S. 9-38.

2 Aus der Stiftungsbestätigung des St. Gertruden-Gasthauses. Bremisches Urkun- denbuch (künftig BUB) III, Nr. 267 (24. Juli 1366).

3 Vgl. Werner Hennig, Die Ratsgeschlechter Bremens im Mittelalter, Göttingen 1957, S. 113. Erich Lübcke, Der Bremer Rat von 1225 bis 1433 und die Ratsherren mit ihren verwandtschaftlichen Beziehungen, in: Zeitschrift für Niedersächsische Familienkunde, XVII. Jg., 1935, Teil 1-5, Nrn. 26, 72, 123, 166, 264, 268 und 321, dazu § 422.

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