Zur Erinnerung an Magdalene Thimme (1880—1951)*
Von Diether Koch Für Liselotte Streckert zum 80. Geburtstag am 27. September 1992
Zwei besondere Ereignisse sind es, die gleich auf den ersten Blick das Leben von Magdalene Thimme als außergewöhnlich erscheinen lassen: Sie war die erste Frau, die 1934 in den Bruderrat der sich bildenden Bekennenden Gemeinde Bremens gewählt wurde, war damit die erste Frau, die überhaupt in der bremischen Kirchengeschichte eine Leitungsfunktion wahrnahm. Und sie wurde als Studienrätin am Kippenberg-Gymnasium 1938 zwangspensioniert, als eine der ganz wenigen Vertreter ihres Standes, die dem Nationalsozialismus keine Konzessionen machte. Ein Datum aus der Kirchengeschichte — eines aus der Schulgeschichte . . . Allein diese beiden Tatsachen lassen es lohnend erscheinen, sich mit dem Leben dieser Frau näher zu befassen.
Wenn wir ihre Wirksamkeit in den dreißiger Jahren genauer verstehen wollen, als sie schon über 50 Jahre alt war, dann müssen wir zunächst auf die ersten Jahrzehnte ihres Lebens zurückblicken. Dazu helfen uns Erinnerungen noch lebender Schülerinnen, Erinnerungen und Tagebuchnotizen, die zwei Brüder und mehrere Schülerinnen aufgeschrieben haben, vor allem aber die über vierhundert erhaltenen Briefe an ihre Eltern und an die Familie ihres jüngsten Bruders. Für die späteren Jahre kommen dann die kirchlichen und staatlichen Akten hinzu 1 .
1. Kindheit und Jugend, Lehr- und Wanderjahre (1880—1912)
Magdalene Thimme, geboren am 3. November 1880 in dem Dorf Lohe bei Nienburg, war das siebte von elf Kindern eines Pastors 2 , die jüngste von vier Töchtern. Sie stammte väter- und mütterlicherseits aus Pastorenfamilien der hannoverschen Landeskirche 3 . Beide Großväter und der Vater waren konservative Lutheraner gewesen, der Großvater mütterlicherseits, Friedrich Münchmeyer, hatte sogar eine führende Rolle bei der Bemühung gespielt, im Sinne Friedrich Ludwig Stahls eine christlich-konservative Staatsethik im
* Ergänzte Fassung eines Vortrages, der in der St. Stephani-Gemeinde in Bremen am 19. Juni 1991 gehalten wurde.
1 Alle im folgenden zitierten Texte befinden sich, soweit nichts anderes bemerkt ist, im Original oder Kopie im Archiv der St. Stephani-Gemeinde in Bremen (AStG).
2 Ihre Eltern waren der Pastor Gottfried Thimme, * Hoyershausen b. Alfeld/Leine 1837, t Ebstorf /Lüneburger Heide 1916, und Emilie geb. Münchmeyer, "Lamspringe b. Alfeld 1846, t Alfeld 1925.
3 Hans Thimme, Aus der Vergangenheit hannoverscher Pastorenfamilien, hg. von seinen Geschwistern, Witten 1959.
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