Jahrgang 
Band 71 (1992)
Seite
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Geld und Gewissen

Raimund Peraudi und die Ablaßverkündung in Norddeutschland am Ausgang des Mittelalters*

Von Andreas Röpcke

Eine Abrechnung mit der Ablaßlehre in der Nachfolge Luthers wird es in die­sem Beitrag nicht geben, auch keine theologische Auseinandersetzung mit ihr. Dogmengeschichtliche und kirchenpolitische Fragen werden nur ge­streift. Es geht vielmehr um den Versuch, Geschichte im klassischen Sinne beim Wort zu nehmen, Geschichte zu erzählen, vergangene Vorgänge und Si­tuationen jedenfalls stellenweise zum Leben zu erwecken. Um den unge­wöhnlichen Reichtum der Überlieferung nach Kräften auszubeuten, wird die Schilderung weniger Tage im Mai 1503 breiten Raum einnehmen, Tage, die sich farbig und detailreich fast wie ein Historiengemälde darstellen lassen. Diese Maitage sind Teil und Station einer Reise durch Norddeutschland, die den weiteren Rahmen der Erzählung abgibt. Sie wird unternommen von der Hauptperson der Geschichte, einem zum Kardinal und päpstlichen Ge­sandten aufgestiegenen französischen Geistlichen, dem wir uns nun zuwen­den wollen.

Raimundus Peraudi so die durchweg gebrauchte latinisierte Namensform wurde am 28. Mai 1435 in Surgeres in der westfranzösischen Diözese Sain- tes geboren 1 . Er war zunächst als Lehrer in seiner Heimatstadt und in La Ro­chelle tätig, um dann ein Studium in Paris aufzunehmen. Ab 1470, also als be­reits 35jähriger, studierte er Theologie an der Sorbonne und schloß sein Studium mit der Promotion ab. 1476 wird er als Dekan des Domkapitels von Saintes genannt, und der Zusammenhang, in dem er bekannt wird, sollte für die restlichen fast 30 Jahre seines Lebens bestimmend werden: Es geht um Ablaß. Der Domkirche von Saintes wird am 3. August 1476 eine erneuerte Ablaßbulle gewährt, als Ablaßkommissar fungiert Peraudi. Die Hälfte des Er-

* Für den Druck bearbeitete Fassung eines Festvortrages zu Ehren von Ltd. Archiv­direktor i. R. Dr. Karl H. Schwebet anläßlich seines 80. Geburtstages am 5. Septem­ber 1991.

1 Hierzu u. zum folgenden Nikolaus Paulus: Raimundus Peraudi als Ablaßkommissar, in: Histor. Jb. 21, 1900, S. 645-682, hier S. 646 f. In den bisher vorliegenden Spezial­Studien zu Peraudi findet die Reise nach Norddeutschland entweder gar nicht oder nur kurz Erwähnung, s. J. Schneider: Die kirchl. u. polit. Wirksamkeit des Legaten Peraudi 1486-1505, 1882; A. Gottlob, in: Histor. Jb. 6, 1885, S. 438-461; Gebhard Mehring: Kardinal Raimund Peraudi als Ablaßkommissar in Deutschland 1500 1504 und sein Verhältnis zu Maximilian L, in: Forschungen und Versuche zur Ge­schichte des Mittelalters und der Neuzeit (Festschrift f. Dietrich Schäfer), Jena 1915, S. 334409. Für zahlreiche Hinweise auf urkundliche Überlieferung bin ich Prof. Brigide Schwarz, Universität Hannover, zu Dank verpflichtet.

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