Phabiranon und Fabaeria
Auf der Suche nach antiken Stätten im Watt 1 Von Horst Banse
Fast fünf Jahrhunderte reichen die Bemühungen neuzeitlicher Historiker zurück, das antike Phabiranon im Elbe-Weser-Dreieck zu lokalisieren und seinen Namen zu verstehen. Doch die Spur, die der griechische Mathematiker und Astronom Ptolemäus um 150 n. Chr. im fernen Ägypten legte 2 , ist nicht leicht lesbar. Das darf nicht verwundern, obwohl er mit seiner „Geographie" ein und ein halbes Jahrtausend lang das Weltbild der Menschen prägte 3 . Denn weder bereiste er unsere Gegend noch erstellte er überhaupt ein Kartenwerk. Vielmehr hinterließ er uns mit seiner Erdbeschreibung vornehmlich astronomische Lagebestimmungen von mehr als 8000 Ortschaften der damaligen Ökumene, will sagen: der bekannten nördlichen Erdhälfte. Und seine Anleitung zur konischen Kartenprojektion ist leider nicht sicher zu entschlüsseln.
Selbst Artur Schöning, der sich mit Geschick daran versuchte, räumt ein, daß die geographischen Längen Ptolemäi für die Identifizierung der Siedlungen unbrauchbar sind 4 . Trotz der von ihm vorgelegten Umrechnungsmethode bleiben unauflösbare Unstimmigkeiten. Ausgerechnet für die Ostsee und die östliche Nordseeküste stellt er Verzerrungen fest, so daß hier seine Fehlerkritik, wie jede andere zuvor, partiell unbefriedigend bleibt, wovon noch zu reden sein wird.
Die Unschärfen lassen sich nicht widerspruchsfrei systematisieren, weil sie nicht einheitlich auftreten, sondern beliebig gestreut. Das ist seit langem bekannt. In Bremen hat schon vor 100 Jahren W. O. Focke darauf aufmerksam gemacht, daß mit den an sich für verläßlicher geltenden Breitenangaben auch nicht viel leichter umzugehen ist. Ohne Nachprüfung erwähne ich, daß er für Rom eine Abweichung von 10 Bogenminuten festgestellt haben will, und Athen rutschte angeblich gar 40' zu weit nach Süden. Wie dem auch sei:
1 Im Text vorkommende Abkürzungen: ags. = angelsächsisch, ahd. = althochdeutsch, an. = altnordisch, as. = altsächsisch, germ. = germanisch, gr. = griechisch, idg. = indogermanisch, ill. = illyrisch, lat. = lateinisch, mhd. = mittelhochdeutsch, mnd. = mittelniederdeutsch, nd. = niederdeutsch, nhd. = neuhochdeutsch.
2 Klaudios Ptolemaios, * Ptolemais (Oberägypten) um 100, t um 160, wohl in Cono- pus; wirkte in Alexandria. Ich verwende, wie üblich, die latinisierte Namensform.
3 Claudii Ptolemaei Geographiae libri octo, gr. u. lat. Fassung, hrsg. v. Friedrich Wilhelm Wilberg, Essen 1838. Ptolemäus stützte sich auf die kurz vor 114 verfaßte „Diorthosis tabulae geographicae" des gr. Geographen Marinos von Tyros.
4 A(rtur) Schöning, Germanien in der Geographie des Ptolemaeus, Detmold 1962, S. 20 u. 108 ff.
15