Jahrgang 
Band 70 (1991)
Seite
71
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Paganini in Bremen

Von Herbert Schwarzwälder

1. Theater und Konzertwesen in Bremen um 1820/30

Bremen gilt vielen als amusische Stadt; doch es gibt manche künstlerische Leistung und Veranstaltung, mit der man das Gegenteil beweisen könnte. Es hängt viel davon ab, was man alsKunst" ansehen will und ob man das Kunst­verständnis an den Leistungen einheimischer Künstler, am fleißigen Besuch von Konzerten, Theateraufführungen, Ausstellungen usw. oder gar am spek­takulären Auftreten von Virtuosen messen will. Wer sich Mühe gibt, der wird lange Listen von Gastspielen zusammenstellen können, die in ihrer Zeit Be­achtung fanden oder sogar Aufsehen erregten. Besonders spektakulär war si­cher das Auftreten von Nicolö Paganini 1830, wobei freilich das völlige Schweigen der bremischen Musikhistoriker überrascht. Nur der spätere Ar­chivamtmann Fritz Peters schrieb 1927 einen unauffälligen Zweispalter für die Bremer Nachrichten 1 , dem er vor allem bremische Pressemeldungen von 1830 zugrunde legte.

Im Rahmen einer Zusammenstellung von Reisebeschreibungen im nord­westdeutschen Raum traten Quellen zutage, die neue Schlaglichter auf das Paganini-Gastspiel warfen, das natürlich nur ein Erfolg werden konnte, wenn es in Bremen ein reges Musikleben gab und Paganini bereits einen hohen Be- kanntheitsgrad hatte. Zugleich boten sich einige aufschlußreiche Anhalts­punkte für eine Soziologie und die wirtschaftliche Basis des Konzert- und Theaterwesens um 1830, wogegen der musikgeschichtliche Ertrag eher dürf­tig war, da sich dieKritiker" zum Spiel Paganinis nur überschwenglich, aber doch wenig sachverständig äußerten. Klaus Blum 2 sagt in seiner bremischen Musikgeschichte kaum etwas über die Rezeption des Komponisten und Vio­linvirtuosen Paganini und nichts über seinen Auftritt 1830; er macht aber deutlich, daß Konzerte und Musikinteresse in der Hansestadt seit 1825 einen spürbaren Aufschwung nahmen. Gab es zuvor im wesentlichen einzelne Subskriptionskonzerte im Winter, so organisierte einVerein der Privat-Con- certe" über fünf Jahre auf Subskriptionsbasis regelmäßige Winterkonzerte 3 , die von Friedrich Wilhelm Riem als Musikdirektor und von Carl Friedrich Ochernal als Konzertmeister geleitet wurden. Es wurde nun ein stehendes Concert-Orchester" gebildet. Im Stadttheater gab es neben Konzerten auch Musiktheater (Oper), 1829 zweimal wöchentlich. Bei denPrivat-Concerten"

1 3.4.1927.

2 Musikfreunde und Musici. Musikleben in Bremen seit der Aufklärung, Tutzing 1975.

3 Blum, S. 111 ff.

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