Paganini in Bremen
Von Herbert Schwarzwälder
1. Theater und Konzertwesen in Bremen um 1820/30
Bremen gilt vielen als amusische Stadt; doch es gibt manche künstlerische Leistung und Veranstaltung, mit der man das Gegenteil beweisen könnte. Es hängt viel davon ab, was man als „Kunst" ansehen will und ob man das Kunstverständnis an den Leistungen einheimischer Künstler, am fleißigen Besuch von Konzerten, Theateraufführungen, Ausstellungen usw. oder gar am spektakulären Auftreten von Virtuosen messen will. Wer sich Mühe gibt, der wird lange Listen von Gastspielen zusammenstellen können, die in ihrer Zeit Beachtung fanden oder sogar Aufsehen erregten. Besonders spektakulär war sicher das Auftreten von Nicolö Paganini 1830, wobei freilich das völlige Schweigen der bremischen Musikhistoriker überrascht. Nur der spätere Archivamtmann Fritz Peters schrieb 1927 einen unauffälligen Zweispalter für die Bremer Nachrichten 1 , dem er vor allem bremische Pressemeldungen von 1830 zugrunde legte.
Im Rahmen einer Zusammenstellung von Reisebeschreibungen im nordwestdeutschen Raum traten Quellen zutage, die neue Schlaglichter auf das Paganini-Gastspiel warfen, das natürlich nur ein Erfolg werden konnte, wenn es in Bremen ein reges Musikleben gab und Paganini bereits einen hohen Be- kanntheitsgrad hatte. Zugleich boten sich einige aufschlußreiche Anhaltspunkte für eine Soziologie und die wirtschaftliche Basis des Konzert- und Theaterwesens um 1830, wogegen der musikgeschichtliche Ertrag eher dürftig war, da sich die „Kritiker" zum Spiel Paganinis nur überschwenglich, aber doch wenig sachverständig äußerten. Klaus Blum 2 sagt in seiner bremischen Musikgeschichte kaum etwas über die Rezeption des Komponisten und Violinvirtuosen Paganini und nichts über seinen Auftritt 1830; er macht aber deutlich, daß Konzerte und Musikinteresse in der Hansestadt seit 1825 einen spürbaren Aufschwung nahmen. Gab es zuvor im wesentlichen einzelne Subskriptionskonzerte im Winter, so organisierte ein „Verein der Privat-Con- certe" über fünf Jahre auf Subskriptionsbasis regelmäßige Winterkonzerte 3 , die von Friedrich Wilhelm Riem als Musikdirektor und von Carl Friedrich Ochernal als Konzertmeister geleitet wurden. Es wurde nun ein stehendes „Concert-Orchester" gebildet. Im Stadttheater gab es neben Konzerten auch Musiktheater (Oper), 1829 zweimal wöchentlich. Bei den „Privat-Concerten"
1 3.4.1927.
2 Musikfreunde und Musici. Musikleben in Bremen seit der Aufklärung, Tutzing 1975.
3 Blum, S. 111 ff.
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