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Band 70 (1991)
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Ein neues historisches Altargemälde im Bremer Dom

Versuch einer kunsthistorischen Einordnung

Von Ingrid Weibezahn

Im Sommer 1987 erhielt die St.-Petri-Domgemeinde von der Sparkasse in Bre­men ein mittelalterliches Altargemälde zum Geschenk. Es lohnt sich, diese Gabe, die anläßlich des Jubiläums1200 Jahre Kirche in Bremen" in den Be­sitz des Domes überging, eingehender zu betrachten.

Das Altargemälde hat inzwischen in der ersten Seitenkapelle des Südschif­fes seinen Platz gefunden, an einer im Hinblick auf die Beleuchtung sehr günstigen Stelle. Durch die bunten Glasfenster erhält das Gemälde ein ge­dämpftes Licht, das seine Farben gut zur Geltung bringt, jedoch nicht gefähr­det.

Der allgemeine AusdruckAltargemälde" muß an dieser Stelle präzisiert werden: Es handelt sich nämlich bei unserer Neuerwerbung um vier einzelne Bilder, zwei hochrechteckige und zwei weitere Tafeln, deren geschwungener oberer Abschluß jeweils Teil eines spätgotischen Eselrückenbogens bildet.

Diese sehr einfache separate Rahmung ist übrigens jüngeren Datums; auf älteren Abbildungen ist zu erkennen, daß die Bilder früher in zwei Tafeln zu­sammengefaßt waren. Ob auch die Originalanordnung so ausgesehen hat, entzieht sich unserer Kenntnis, ist aber naheliegend, wenn man den Bild­inhalt in Betracht zieht.

Dargestellt sind vier Szenen aus der Passion Christi, und zwar die Gefan­gennahme (links oben), Christus vor dem Hohenpriester Kaiphas (rechts oben), die Ausstellung Christi vor dem Volk (links unten) und die Kreuz- tragung (rechts unten). Ganz offensichtlich bildeten die vier Tafeln zu je zweien zusammengefügt einst die Flügel eines Altares, als dessen Mittel­bild eine Kreuzigungsszene zu denken wäre. Laut Expertise sind die Gemälde in Mischtechnik (Ol- und Temperafarben) auf Nadelholz gemalt. Die Farb­gebung ist kräftig, wobei Rot-, Gelb- und Brauntöne überwiegen.

Das Bild der Gefangennahme Christi zeigt die bekannte Doppelszene, Judaskuß und Petrus mit Malchus:Und alsbald, da er noch redete, kam her­zu Judas, der Zwölfe einer, und eine große Schar mit ihm mit Schwertern und mit Stangen. [.. . ] Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und ge­sagt: ,Welchen ich küssen werde, der ist's, den greift und führt ihn sicher hin­weg.' Und da er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach zu ihm ,Rabbi!' und küßte ihn. Die aber legten ihre Hände an ihn und griffen ihn." 1Da hatte

1 Mark. 14, 43-46.

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