Das Frontispiz der Bremer Chronik von Wilhelm Dilich
Von Rolf Gramatzki
Die von Wilhelm Schaeffer, genannt Dilich, geschriebene und illustrierte Chronik der Stadt Bremen wird in ihrer endgültigen Form von 1603/04 1 durch einen bildhaft gestalteten Titel eingeleitet. Die erste Ausgabe der Chronik von 1602, die vom Rat der Stadt nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurde, hatte dagegen nur ein einfaches, mit einem ornamentalen Rahmen versehenes Titelblatt. Während nun die illustrierenden Stiche des Buches zumindest zum Teil sehr bekannt sind, wie z.B. die Ansicht des Marktplatzes 2 , ist das Frontispiz bisher weitgehend unbeachtet geblieben.
Dilich war nicht in erster Linie Chronist, sondern Graphiker und auch Architekt 3 . Seine Spezialität als Graphiker waren Karten, Landschaften und Stadtansichten sowie die Wiedergabe einzelner Bauten. Er hat aber auch die Bibel illustriert. Seit 1592 stand er als „Geographus und Historicus" im Dienste des Landgrafen Moritz I. von Hessen-Kassel. Im Zusammenhang mit dieser Aufgabe kam er auch nach Bremen 4 .
Die Gestaltung des Buchtitelblattes hat sich im 16. Jahrhundert entwickelt. Dabei wurde es schließlich zum „Buchportal" oder zur „Buchfassade" nicht nur im übertragenen, sondern auch im bildhaften Sinne 5 . In der ornamental-bildhaft gestalteten Portalumrandung oder Wandgliederung wurde es dann möglich, schon im Bildschmuck des Titels auf den Inhalt hinzuweisen 6 . Bei dieser Entwicklung scheint die Reformationsliteratur eine besondere Vorreiterrolle gespielt zu haben 7 . Dabei standen die einzelnen Teile der Titelei in enger Beziehung zueinander und ergänzten sich gegenseitig. „Bestimmend wurde zunächst dasjenige, was aus kaufmännischen oder schriftstellerischen Rücksichten an erster Stelle, auf dem Titelblatte selbst,
1 Herbert Schwarzwälder, Blick auf Bremen, Bremen 1985, Bilderläuterungen, S. 3 ff., behandelt ausführlich die Entstehung des Chroniktextes und seiner Illustrationen.
2 Die Darstellung von 1596 aus der ersten Fassung der Chronik von 1602 ist in: Peter Hahn, 450 Jahre Haus Schütting. Bremen 1988, S. 20, veröffentlicht. S. auch die Rezension des Buches in diesem Band, S. 301.
3 Thieme-Becker, Allg. Lexikon d. bild. Künstler, Bd. 9, Leipzig 1913; F. W. H. Hollstein, German engravings, etchings and woodcuts ca. 1450—1700, Amsterdam 1954 ff., Bd. VI, S. 220 f.; die Stiche zur Chronik Nr. 3; dort auch alle weitere Literatur.
4 Schwarzwälder, a.a.O.
5 G. A. E. Bogeng, über die Entstehung und die Fortbildung des Titelblattes, in: Buch und Schrift, III. Jg., 1929, S. 90.
6 Erich v. Rath, Zur Entwicklung des Kupferstichtitels, in: ebd., S. 56.
7 Bogeng, S. 82.
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