Josef Kastein, ein jüdischer Schriftsteller (1890—1946)
Die Bremer Jahre Von Alfred Dreyer
Am 6. Oktober 1980 wäre der deutschsprachige jüdische Schriftsteller Josef Kastein 90 Jahre alt geworden. An seine Herkunft und Entwicklung an dieser Stelle zu erinnern, hat seine besondere Berechtigung.
Josef Kastein (Ps. für Julius Katzenstein) 1 ) wurde am 6. Oktober 1890 als zweiter Sohn jüdischer Eltern in Bremen geboren. Hier in Bremen verlebte er seine Kindheit und Jugend, besuchte Schulen der Hansestadt und den jüdischen Religionsunterricht der kleinen Israelitischen Gemeinde und erwarb am Realgymnasium das Zeugnis der Reife. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Nationalökonomie in München, Freiburg i. Br., Berlin und Göttingen kehrte er nach Bremen zurück, unterzog sich hier der üblichen weiteren juristischen Ausbildung und wurde dann als Anwalt in seiner Vaterstadt zugelassen. Inzwischen hatte er in Greifswald zum Dr. jur. promoviert und in Bremen geheiratet. Auch seine beiden Söhne wurden in Bremen geboren. In dem Bremer Friesen-Verlag erschien auch seine erste größere literarische Arbeit, der „hanseatische Kaufmannsroman" Melchior. — Anfang 1927 übersiedelte Kastein dann in die Schweiz.
Bremen war also, die Studienjahre ausgenommen, für mehr als dreißig Jahre seine Heimat im engeren Sinne. Hier empfing er die ersten prägenden Eindrücke, hier begann er mit ersten literarischen Versuchen, hier war er als Anwalt tätig, und hier gründete er auch seine Familie.
') Das Pseudonym Josef Kastein erscheint zum erstenmal anläßlich der Veröffentlichung des Gedichtbandes Logos und Pan, Berlin-Wien 1918. Alle späteren Veröffentlichungen sind unter diesem Namen erschienen, ausgenommen der Essay Probleme der jüdischen Wanderung (vgl. Anm. 118). Dieser Aufsatz wurde noch unter dem bürgerlichen Namen Julius Katzenstein veröffentlicht. Autobiographische Äußerungen Kasteins zur Namensänderung sind nicht bekannt. Eine rechtsverbindliche Umwandlung des bürgerlichen Namens in den als Ps. gewählten Namen erfolgte wahrscheinlich erst vor der Ausreise nach Palästina (1935). Den Familiennamen Kastein gab es in Bremen. Die Wahl des Vornamens erfolgte wohl bewußt (Joseph [hebr. Gott vermehre], der Patriarch des AT, als jüd. Vorname im MA gebräuchlich —; vgl. Hans Bahlow, Deutsches Namenslexikon, Frankfurt/Main 1972, S. 207).
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