Carl Theodor Merkel und Heinrich Carl Franzius — zwei Bremer Lateinamerikakaufleute im Spiegel ihrer Autobiographien
Von KarlH. Schwebel
Nachdem Lateinamerika sich im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts von der spanischen und portugiesischen Kolonialherrschaft emanzipiert hatte, lag es für die neuen, noch wirtschaftlich schwachen Staaten des Kontinents, die in aller Regel ein Jahrhundert gebraucht haben, um sich politisch einigermaßen zu konsolidieren, bei ihrer Abneigung gegen die früheren Kolonialherren nahe, sich mit ihrem Bedürfnis industrieller Versorgung und Entwicklung an das damals höchstentwickelte Industrieland der Welt, nämlich das nach Abschluß der napoleonischen Ära wirtschaftlich stark expandierende Großbritannien, sodann auch an die USA zu wenden, beides Länder, die zudem auch einen Großteil der agrarischen Produkte Lateinamerikas aufnehmen konnten. Was Wunder, daß der ausländische, insonderheit englische Kaufmann, der sich in den nunmehr für alle befreundeten Flaggen der Welt offenen Häfen Lateinamerikas etablierte, den Ein- und Ausfuhrhandel des Gastlandes bald fast absolut beherrschte, nicht selten zum wachsenden Mißvergnügen des Gastvolkes und seiner Regierung. Hinzu kam, daß die meisten der alten Kolonialmächte — Spanien, Frankreich, England, die Niederlande — zum Teil bis heute Territorien in der Karibik behielten, die nicht nur als Sprungbrett wirtschaftlicher Expansion auf dem Festlande dienten, sondern auch als militärische Stützpunkte für eine dem Stile der Zeit entsprechende Kanonenbootpolitik zur wirksamen Unterstützung diplomatischer Pressionen benutzt wurden.
Nur die Deutschen, in Ubersee zumeist vertreten durch die Hanseaten, machten eine Ausnahme von dieser Regel: Sie gingen ohne den diplomatischen und militärischen Rückhalt eines starken Nationalstaates in die Fremde, oft ohne feste Anstellungsaussichten drüben oder wenigstens Empfehlungsbriefe ihrer früheren Firmen an befreundete ausländische oder — soweit schon vorhanden — hanseatische Häuser in der Neuen Welt. Ja, auch nachdem es den Norddeutschen Bund und das Deutsche Reich gab, war dessen Kanzler Bismarck wohl bereit, in begründeten Fällen in ausländischen Gewässern Flagge zu
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