VII
Der Fund einer Kogge bei Bremen im Oktober 1962.
Die Entwicklung zum großen Fracht- und Segelschiff des Mittelalters setzte im Norden Europas verhältnismäßig spät, in den Jahrzehnten um 1200, ein. Damals kam ein neuartiger Großschiffstyp auf, der dann für etwa zwei Jahrhunderte die nordischen Meere beherrschen, ja auch auf den längst an größere Schiffsabmessungen gewöhnten west- und südeuropäischen Schiffbau revolutionierend wirken sollte: die Kogge. Nicht zuletzt war er es auch, mit dem die Hanse im 13. und 14. Jahrhundert zu ihrer Vormachtstellung in Nordeuropa aufzusteigen vermochte.
So bedeutsam sich also dieser Schiffstyp für die europäische Schiffahrtsgeschichte erwies, über seine besondere Formgebung und Bauweise, seine technischen Einrichtungen geben schriftliche und bildliche Quellen nur bedingt Aufschluß. Vor allem sind es Darstellungen auf Siegeln, die einen Eindruck von seiner äußeren Erscheinung vermitteln. Hier hat man ganz allgemein den — an sich schon recht naheliegenden und darum gewiß richtigen — Schluß gezogen, daß ein auf Stadtsiegeln des 13. und 14. Jahrhunderts vielfach abgebildeter neuartiger Segelschiffstyp, den gerade auch die Hansestädte auf solche Weise zum Symbol ihrer neu erworbenen Seegeltung und Handelsmacht erhoben — jeweils eine Kogge darstellen soll.
Demnach wurde die umwälzende technische Neuerung des Stevenruders, die im europäischen Schiffbau das althergebrachte Seitenruder im Laufe des 13. Jahrhunderts erst allmählich zu verdrängen begann, gerade bei den Koggen bemerkenswert früh und konsequent angewandt. Sie hat ihren Typ seit der Mitte des 13. Jahrhunderts entschieden mitgeprägt (frühestes Beispiel: Elbinger Siegel von 1242). Damals erst hat sich die charakteristische Umrißform endgültig herausgebildet, die zwar entsprechend den vielfältigen, landschaftlich gebundenen Sonderformen des Koggetyps voneinander abweichen konnte, sich aber im wesentlichen bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts stets gleichblieb: ein hochbordiger Einmaster mit großem Rahsegel, Stevenruder, geradem Kiel und ebensolchen Steven.
So also stellt sich die Kogge etwa auf Siegeln von Elbing, Danzig, Kiel, Stralsund, Wismar, Harderwijk und Damme dar, von denen übrigens oft auch Varianten erschienen. Freilich, sie erscheint hier stets klein und in Seitenansicht, auch, der Kunstgesinnung dieser Zeit entsprechend, nicht eigentlich wirklichkeitsgetreu wiedergegeben, vielmehr als ein ornamental empfundenes Sinnbild stark stilisierend dem Rund des Siegels eingefügt. Andere Darstellungen wie Miniaturen, Wandmalereien usw., vor allem aber schriftliche Quellen, auch Bodenfunde anderer mittelalterlicher Schiffstypen müssen deshalb dazu dienen, eine klarere Vorstellung vom Aussehen solcher Schiffe zu gewinnen. Sehr verdienstvolle Arbeit ist in dieser Hinsicht schon von der Forschung geleistet worden, vor einiger Zeit noch einmal in umfassender Weise von P. Heinsius mit seiner Buchveröffentlichung „Das Schiff der hansischen Frühzeit" ').
So eindringlich dieses Quellenstudium auch betrieben wurde, das Bild blieb doch vor allem deshalb recht unvollständig und widerspruchsvoll,
') Paul Heinsius, Das Schiff der hansischen Frühzeit. Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte, Neue Folge, Bd. XII. Weimar 1956, Böhlau.