VII
Eine bisher unbekannte Ansicht der Stadt Bremen aus dem Jahre 1632
Daß wir diese bisher unbekannte Bremer Ansicht heute betrachten und uns über sie freuen können, verdanken wir letzten Endes dem Umstand, daß einer der nachgeordneten kleinen hessischen Landgrafen zu der angegebenen Zeit auf Freiersfüßen ging. Es handelt sich um den Landgrafen Philipp III., einen Enkel Philipps des Großmütigen, durch dessen jüngsten Sohn Georg, mit dem die jüngere Darmstädter Linie begründet worden war. Drei Söhne standesgemäß zu unterhalten, mochte diesem einige Mühe machen: so gab er, wenn auch zögernd, seine Zustimmung, die großen Hofhaltungskosten in Butzbach, der Residenz des Mittleren der Söhne, durch Landzuweisungen zu verringern, vielleicht gar dadurch in der Rechnung verschwinden zu lassen.
Das war 1609 gewesen, in demselben Jahre, in dem Philipp III. seine Hochzeit mit der früh verwaisten Diepholzer Prinzessin Anna Margarethe vollzogen hatte. Die landfremde Fürstentochter aus dem Norden hat ihrem Gatten redlich geholfen, das anheimelnd kleine Butzbach zu einer feinen, Wärme ausstrahlenden Residenz zu machen.
Aber das Idyll war von den dunklen Wolken überschattet worden, die der große Glaubenskrieg, der zum Dreißigjährigen werden sollte, mit sich brachte. In der Zeit, da der Norden Deutschlands nach den Siegen Tillys und Wallen- steins in dunkler Ungewißheit darniederlag, was nun aus dem durch die Kirchenerneuerung geschenkten neuen Glauben werden sollte, verlor der Landgraf die geliebte Gattin, Butzbach die verehrte Landesmutter.
Dem Lande eine neue zu geben, war bald das Streben des Fürsten, und wieder war sein Blick gen Norden gerichtet, diesmal über die Herrschaft Diepholz hinaus an die Küste des grauen Meeres nach Ostfriesland. Dort herrschte in Aurich die Gräfin Christina Sophia: sie war jetzt die Erwählte, und eine Brautfahrt schien möglich, als alles deutsche Land nördlich des Mains nach der Schlacht bei Breitenfeld dem Schwedenkönig zu Füßen lag.
Zwei Fahrten sind damals von Butzbach aus nach Aurich unternommen worden, die erste im Dezember und Januar 1631/1632, die Brautwerbung, die zweite im Juni und Juli 1632 zur Heimholung der Braut. Beide sind, wenn nicht mit großem Gefolge, so doch in einigermaßen stattlicher Anzahl unternommen worden, und beide Male war ein Zeichner mit von der Partie, das erste Mal Valentin Wagner, Hofmaler, der dereinst von Dresden nach Hessen gekommen war und hier bereits schöne Zeugnisse seines Könnens abgelegt hatte, das zweite Mal Dr. Georg Faber, Mediziner und Philosoph, der Leibarzt des Landgrafen, Poet dazu und feiner Schilderer, auch lustiger Kleinigkeiten des Alltagslebens, wie er es in einem auf der Fahrt geführten Tagebuche beweist. Wagner ist vor Bremen gewesen, wie es unser Bildchen dartut, wie es aber auch durch Einträge in hessische Papiere aktenkundig geworden ist. Denn man reiste die Frankfurter Straße, und die führte wohl lahnauf- und fuldaabwärts gen Norden, gewiß durch das Leinetal, um dann, die Weser überquerend, Bremen auf seiner jetzigen Neustadtseite zu gewinnen. Darum finden wir auf unserem Bild den Zug des Landgrafen auch jenseits der Weser, auf dem heutigen Werder- oder Neustadtsufer, dort, wo man damals gerade anfing, die Neustadt zu bauen. Die Fahrt zur Einholung der Braut, die zweite also, hat einen anderen Weg genommen, die Reise, an der Faber beteiligt war. Da war man durch das Waldeckische, Paderbornsche,