I.
In memoriam
1.
Hermann Entholt
* 9. Dezember 1870 zu Bremen * 23. September 1957 zu Bremen
Wenn der Mensch zu Jahren kommt und sich ihm das Verhältnis von Wirken und Sinnen zum letzteren hin verschiebt, dann pflegt er, sofern etwas in ihm steckt, an Weisheit und Reife des Urteils zu gewinnen, was ihm an Schwung und Tatkraft nunmehr gebricht. Soweit er die Ereignisse seines Lebens nicht nur erleidend hingenommen, sondern auch frisch gestaltend mit bestimmt hat, kommen sie ihm im Rückblick wie Meilensteine eines weiten Weges vor, auf dem er zwar von Stein zu Stein rüstig vorwärts strebte, von dessen dunklem Endziel sich ihm aber erst im Alter der Schleier ein wenig zu lüften scheint. Was Wunder, daß er an Hand dieser Kette von Merkpunkten über sein Dasein ins reine zu kommen sucht, indem er sie über den Tod hinaus ins Unendliche verlängert, um so in der Ewigkeit einen Standort zu gewinnen, nachdem in der Welt des Vergänglichen seines Bleibens nicht mehr lange sein wird. Wem ein hohes, gesegnetes Alter geschenkt wird, dem ist Zeit gegeben, das Leben und den Tod zu bestehen.
Der Mann, von dem wir hier Abschied nehmen, durfte wahrlich tiefe Dankbarkeit empfinden, daß ihm eine so weite Spanne eines reichen und — nehmt alles nur in allem — glücklichen Lebens zugemessen war. Hermann Entholt hat das Leben in seinen Höhen und Tiefen geliebt, weil er bis zuletzt die Kraft in sich spürte, es auf die ihm eigene Weise zu meistern, und nur nach zähem Kampf und schwerem Altersleiden hat er dies kostbare Gut an den Tod verloren. Am 23. September 1957 ist er im 87. Lebensjahre heimgegangen.
Es zeigt, wohin die Gedanken des Hochbetagten sich wandten, wenn er einmal — nicht von ungefähr — die letzten Sätze aus den Erinnerungen des Ministers Schmidt-Ott abschrieb, die mit einem Goethezitat enden:
„Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleich-