Jahrgang 
46. Band (1959)
Seite
VII
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VII

Abschied von Alt-St. Ansgarii

Im November 1958 erwies sich, daß der jahrelange zähe Kampf, den Bremens Geschichts- und Heimatfreunde mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln geführt hatten, um die Erhaltung der Ruine von St. Ansgarii durch­zusetzen, vergebens gewesen war. Der Denkmalschutz wurde aufgehoben und damit die Ruine für den Abbruch freigegeben. Es war ein schwacher Trost, daß der Senat den Baudenkmalpfleger ermächtigte, Grabplatten und Epitaphe, alle wertvollen Architekturteile von Sandstein und die hand­gestrichenen Klosterformatsteine zu bergen. Die Ruine wurde vermessen und von allen Seiten, auch während des Abbruchs, fotografiert. Damit waren jedoch sämtliche Möglichkeiten erschöpft, um zu retten, was zu retten war.

Was ging hier aber verloren! Soweit die Kirche insgesamt mit ihrem Turm, der die Krone der Stadtsilhouette Bremens war, als Opfer des zweiten Weltkrieges angesehen werden muß, wollen wir in diesen Zeilen von Schicksal sprechen, das abzuwenden nicht in unserer Hand lag. Nach 1945 standen aber noch so beträchtliche Teile der Kirche, daß es sich genauso gelohnt hätte, die Wiederherstellung der dreischiffigen Halle und des Chores zu betreiben, wie das die Gemeinden zu St. Stephani, St. Martini und St. Johannes in so vorbildlicher Weise mit ihren alten Kirchen getan haben. Statt dessen brach man St. Ansgarii Stück für Stück ab. Das mußte z. T. von Steinmetzen mit Gewalt durchgeführt werden, wie Archivfotos belegen. So fest war das alte Mauerwerk. Einmal wurde sogar an einem Sonntag eine Sprengung durchgeführt, für die niemand verantwortlich zeichnen wollte. Es ist die Tragik dieser Kirche, daß sie, aus welchem Grunde auch immer, von der zugehörigen Gemeinde aufgegeben wurde und daß sich in ihrem Kreise niemand fand, der willens und auch stark genug gewesen wäre, dieses Schicksal zu wenden. Es fehlte diese Gegenwirkung aber auch in der Leitung der Bremischen Evangelischen Gesamtkirche, und im Kirchentag konnte sie sich nicht zur Genüge durchsetzen. Man muß dies um so mehr bedauern, als es hier nicht nur um ein Haus ging, in dem durch mehr als siebenhundert Jahre Gottesdienst abgehalten wurde und von dem durch Heinrich von Zütphen 1522 die Reformation in Bremen ausgegangen war, sondern um eine der vier Stadtpfarrkirchen, die nach 1229 innerhalb der Altstadt bestanden haben. Diese Kirche, auch noch ihre Ruine, war sowohl eine stadtgeschicht­liche, als auch eine städtebauliche Urkunde ersten Ranges, weil sie im Straßenplan einen Platz einnahm, dessen Anordnung nur durch ihr Dasein zu verstehen war.

Den städtischen Behörden kann nicht der Vorwurf mangelnden Verständ­nisses gemacht werden, nachdem die Ansgariigemeinde selbst der alten, ge­weihten Erde den Rücken gekehrt hatte. Sie waren zunächst auch mit dem Baudenkmalpfleger aus ganz anderen Gründen als dieser derselben Meinung, daß die Ruine am besten innerhalb eines hier sehr erwünschten Grünplatzes erhalten werden müsse. Die Stadtplanung hatte erkannt, daß hier am Ansgariikirchhof mit dem anliegenden Lloydgebäude, dem Finke-Hochhaus, dem Gewerbehaus und allen übrigen bedeutenden Geschäftshäusern schon eine wesentliche Uberbelastung der Verkehrswege bestand. Es wurde als nicht