Jahrgang 
45. Band (1957)
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VI.

Vom Reisen der Bremer bis zum Aufkommen der Eisenbahn

Von Christian Piefke *

Lagen die Straßen- und Wegeverhältnisse schon in den Städten bis in die Neuzeit hinein sehr im argen, so war es um die Landstraßen noch weit schlimmer bestellt. Sie führten vielfach durch tiefen Sand und unergründlichen Kleiboden, waren stark ausgefahren und voller Löcher und Pfützen; Pflasterung kannte man nicht. Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zogen die Handelsleute und wer sonst draußen ein Geschäft abzumachen hatte, nicht anders als zu Pferde in die Welt; im Sattel konnte man auch am besten die schlechten Wege­verhältnisse überwinden. Wer kein Pferd besaß, wandte sich an einen Pferdevermieter, deren Zahl sich in Bremen um 1800 auf rund zwanzig belief. Der Kaufmann aber, der mit seinen Waren oft auf weite Ent­fernungen die Messen bezog, bedurfte des Wagens. Auch hatte er seine Geschäftsreisenden, die meistens mit eigenem Geschirr, sei es auch nur mit einem Einspänner, von Ort zu Ort fuhren, wobei sie ihr eigener Kutscher waren.

Als das Reisen im Sattel allmählich abgekommen war, sah sich das allgemeine Publikum auf die staatlichen Personenposten angewiesen, die schon früh als dichtes Netz über die deutschen Lande ausgebreitet waren. Auch von Bremen aus konnte man Personenposten nach allen Richtungen benutzen. Mancher deutsche Dichter hat die Romantik der Reisen bei Posthornklang in unsterblichen Liedern besungen; doch die Wirklichkeit sah anders aus. Das Reisen mit den im höchsten Grade unbequemen, schwerfälligen und langsamen Posten war bei der trauri­gen Beschaffenheit der Straßen qualvoll; die Benutzung der beque­meren, aber kostspieligen Extraposten konnten sich nur Begüterte leisten.

Unter solchen Umständen reiste man lieber in Gesellschaft anderer auf gemeinschaftliche Kosten im Mietwagen. Reisegenossen suchte man durch Ankündigung in den Tageszeitungen, daß man eine Reise nach einem bestimmten Orte in passender Gesellschaft zurückzulegen