VI.
Zur Baugeschichte des Nordseitenschiffs des Bremer Doms *) *)
Von Siegfried Fliedner
Die Erforschung der Baugeschichte des Bremer Doms hat ergeben, daß sich an das Mittelschiff ursprünglich ein nördliches Seitenschiff anschloß, das dem südlichen weitestgehend entsprochen haben muß. Die baulichen Einzelglieder wie Dienste, Basen und Kapitelle dieses heute verschwundenen Bauteiles sind noch in einem bedeutenden Umfange erhalten und stellen in ihren Maßverhältnissen bzw. ihrem Stilcharakter genaueste Parallelen zu denen des Südseitenschiffes dar. Cord Poppelken hat sie bei seinem großzügigen Umbau der gesamten Nordseite des Langhauses 1502 bis 1522 wieder verwandt. Allerdings hat König 2 ) die Möglichkeit nicht für ausgeschlossen gehalten, daß Poppelken jene architektonischen Details nach dem Muster der im Südseitenschiff befindlichen vollkommen neu hat anfertigen lassen. Der Baumeister hätte sich also in diesem Falle bewußt von historisierenden Gesichtspunkten leiten lassen und zugleich — in einem für seine Zeit sehr auffälligen Grade — Rücksicht auf die Einheitlichkeit des ästhetischen Gesamteindrucks des Kircheninnern genommen. -— Diese Vermutungen gehen selbstverständlich zu weit, wenn auch Poppelken in der Tat eine eigentümlich ungebundene Haltung in der Wahl älterer Stilformen nachzuweisen sein wird. Insbesondere bei den Kapitellen — es handelt sich im ganzen um 40, die hier in Frage kämen 3 ) — wäre es nicht denkbar, daß Poppelken zu seiner Zeit schon
*) Mit Originalaufnahmen des Verfassers.
') Dieser Aufsatz wurde geschrieben, als die zahlreichen Schäden, die der Dom im Krieg erlitten hatte, noch nicht behoben waren. Das Mauerwerk des Nordseitenschiffs lag damals an vielen Stellen frei, sodaß sich die Baugeschichte desselben verhältnismäßig klar „ablesen" ließ. Bei der im vorigen Jahr glücklich beendeten Renovation des Nordseitenschiffs, dessen Gewölbe durch eine Bombe zur Hälfte zerstört worden war, wurden die Mauern wieder verputzt. Details derselben, die wichtige Aufschlüsse über die Baugeschichte des Nordseitenschiffs gaben, wurden vom Verfasser im Lichtbild festgehalten.
2 ) Arno König, Mittelalterliche Baugeschichte des Bremer Doms, Bremen 1934. König folgt hierin als einziger H. A. Müller, Der Dom zu Bremen, Bremen 1861.
3 ) 4 Kapitelle dieser Art befinden sich an einer Arkade zwischen nördlichem Kreuzflügel und Nordseitenschiff. Sie gehörten, wie schon der architektonische Befund eindeutig lehrt (vgl. S. 331), zum früheren nördlichen Seitenschiff und sind deshalb von vornherein nicht in den Kreis dieser Betrachtungen einbezogen worden.