XII.
Schillers Weser-Epigramm.
Von Hermann Tardel.
Als Goethe und Schiller im Vollgefühl ihrer dichterischen Schaf- Jenskraft und ihrer weltanschaulichen Überlegenheit durch den Xenien- Almanach von 1797 einen Sturmangriff auf die zeitgenössische Literatur und ihre geistige Einstellung richteten — es war der Durchbruchskampf ihrer eigenen klassisch-idealistischen Kunst, kam Schiller auf den Gedanken, durch eine zyklische Zusammenstellung von deutschen Flußnamen die Landschaft, die sie bezeichnen, und ihre Anwohner entweder insgesamt oder durch Anspielung auf einzelne Persönlichkeiten gründlichst zu verspotten. Die „Flüsse" treten gleichsam als lebende Wesen auf, sprechen in der Ich-Form und bekritteln sich selbst (nur „Ilm" und „Saale" loben sich).
Einem ähnlichen Gedankengang hatte schon Schillers Landsmann, der Humanist Johann Reuchlin, in einem aus 13 Distichen bestehenden Carmen an Joh. ex Lupis de Hermansgrün im August 1495 Ausdruck verliehen. Er lehnt es ab, aus Anlaß der von Eberhard im Barte in diesem Jahre erworbenen Herzogswürde ein Epos, gleichsam eine Ilias, seines schwäbischen Volkes zu schreiben, und zwar hauptsächlich aus einem für die oft verspotteten Schwaben keineswegs schmeichelhaften Grunde, wie das letzte Distichon auf den Neckar beweist:
Semper enim fugiunt Musas Nicer atque Bacenae Et nequit in Svevis vatibus esse locus.
Noch offenherziger und kritischer spricht er sich in einem Brief an
den Minoriten Peter Galatin aus Stuttgart vom 1. Juli 1515 aus:
„Nam medius ego inter Bacenas et jugum Hercynium absque musis et sine Apollinis dementia vitam dego et sola Svevorum conversatione contentus barbarizo inter barbaros. Nec est circum me ullus qui vel graeca exquisitim diligat vel studiose amet hebraea, quae ambo Germanis alioqui literarum avidis propter phanaticos et deliros philosophastros exulant 1 )."
') Beide Stellen sind von Joh. Haller, Die Anfänge der Universität Tübingen (1477—1537), Stuttgart 1929, S. 93* (2. Bd.) angemerkt worden. Das Carmen steht in den Sammlungen: lllustrium virorum epistolae ... ad