Geschichtschreibung neuester Zeit und ihre Antik
von vr. Hans Goldschmidt
m Laufe dieses Jahres sind drei Werke, in welchen Deutschlands auswärtige Politik jüngster Zeit behandelt wird, in neuer Auflage erschienen: Graf Ner-entlows „Deutschlands auswärtige Politik 1888 bis 1914", Fürst Bülvws „Deutsche Politik" und Hermann Ouckens „Vorgeschichte des Krieges". Drei Persönlichkeiten recht verschiedener Lebensstellung behandeln hier das gleiche Thema je nach ihren Erfahrungen und ihrer Lebensauffassung. Fürst Bülow hat fast die Hülste der in Frage kommenden Zeit als leitender Staatsmann die von ihm geschilderte Politik selbst gemacht, Sein Werk ist daher mehr ein Quellenwerk zur Charakteristik derselben. Ähnlich Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen" wollte Bülow in seinem Rückblick und Ausblick die großen Linien seiner Politik verständlich machen und uns für die Fortsetzung seiner leitenden Ideen gewinnen. Er kennt das Qucllenmaterial unserer auswärtigen Politik wie kein anderer, aber er darf von seinen Kenntnissen nur beschränkten Gebrauch macheu und muß auch aus Gründen persönlichen Taktes mit dem Urteil über die Politik nach seinem Ausscheiden zurückhalten, da die Hauptbeteiligten noch fast alle im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens stehen. Bismarck war da in günstigerer Lage, weil seine Amtszeit eine weit geschlossenere Epoche bildete und in der Hauptsache zeitlich weiter zurücklag, auch waren die Erfolge seiner auswärtigen Politik unbestritten. Seine Bündnispolitik hatte den Frieden bewahrt, und es war daher nicht schwer für ihn, sie zu verteidigen und vor ihrem Verlassen zu warnen. Bülow verteidigte 1914 seine Politik der freien Hand, ohne das; günstige Ergebnisse vorlagen, außerdem mußte er sich nach seinen eigenen Worten in der Vorrede der neuen Auflage Zurückhaltung gegenüber dem Ausland auferlegen. 1916 konnte er in dieser Hinsicht deutlicher sein. Er meint im übrigen, er habe „nirgends auf dem Felde der auswärtigen Politik Veranlassung, Grundsätzliches von seiner Auffassung der Verhältnisse anderer Stauten zum deutschen Reiche zu ändern. Die Ereignisse hätten ihm im wesentlichen Recht gegeben."
Solche Rücksichten brauchte Graf Neventlow als unabhängiger, konservativer Publizist nicht zu nehmen, andererseits fehlte ihm Bülows Quellenkenntnis. Er wollte 1914 in einer für den gebildeten Nichtfachmcmn berechneten Darstellung eine anschauliche Schilderung der deutschen Politik des nachbismarckischen