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Königin Luise und die preußische Politik
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die Not des Landes, das Fehlen geeigneter Ratgeber. Sie trat nicht in dieses Gebiet fertig hinein, wie eine Pallas aus dem Haupte des Zeus. Auch sie mußte fehlen, irren, bereuen und ringen, bis sich in ihr die Pflicht und aus dieser die Kraft uud der Geist entwickelten, die ihre Stellung erheischten. Dann aber zeigte sie so unerschütterlichen Mut, so uneigennützige Hingebung, griff sie mit so richtiger, nur dem genialen Menschen eignen Empfindung in das verwickelte Getriebe der Politik ein, daß sie einen Platz in der ersten Reihe derer verdient, die den preußischen Staat haben bauen helfen.

Daß das Maß des ihr beschiednen Erfolgs nicht größer war, kann ihren Ruhm nicht schmälern. Nicht allein der Gedanke an ihr reines, edles Wesen uud tragisches Geschick wird sie deshalb ihrem Volke teuer machen, auch für das, was es ihr an politischen Taten verdankt, wird es ihr eine dauernde Erinnerung schuldig sein. ,Jn neuem Lichte erscheint uns jetzt das Wort Heinrichs von Kleist:

Wir sahn dich Anmut endlos nicderregnen,

Daß du so groß als schön warst, war uns sremd.

Kulturkampf und Schisma

(Schluß)

uch über die Gefahren, die bei einer Trennung von Staat und Kirche für die innerpolitische Lage bevorstehn, kann sich der Ministerpräsident nicht täuschen. Vielleicht hat er gerade aus diesem Grunde in der letzten Zeit hier und da Fühlung mit den Progressisten zu gewinnen gesucht, um auf alle Fülle für die Stunde der Not seine Reihen im Parlament etwas zu stärken. Er erklärt jetzt, daß die Trennung tatsächlich bevorstehe. Nehmen wir an. das Konkordat würde wirklich in den ersten Monaten des nächsten Jahres gekündigt. Das Recht dazn wird dem Staate nur von einigen Sonderlingen der Rechten be­stritten, die das Konkordat als synallagmatischen Vertrag nicht für einseitig kündbar ansehen. Die Trennung von Staat und Kirche würde dann wohl unter Zugrundelegung des Entwurfs erfolge», den der sozialistische Abgeordnete Briand verfaßthat. Was dann? Der Staat kann doch unmöglich eine Orga­nisation von der universellen Bedeutung der katholischen Kirche einfach igno­rieren, znmal da sich bis auf etliche Hunderttausend Protestanten und die Juden sämtliche Franzosen wenigstens äußerlich zum römischen Katholizismus bekennen. Schon vor einem Jahre wurde ein Vermittlungsvorschlag gemacht: die vierzig Millionen des Kultnsbndgets aus dem Staatsfinanzgesctz zu streichen und die Sorge für die Kirche den Departements uud den politischen Gemeinden zu überlassen. Auch heute noch wird von radikaler Seite beantragt, eine gewisse Übergangszeit frei zu lassen, in der ein Teil des Budgets zur Unterstützung vou Gemeinden verwandt werden soll, die die Kultuskosten auf